KunstTipp

Klare Kanten, komplizierte Form

Steiermark | aus FALTER 33/09 vom 12.08.2009

Bekanntlich hat sich im 20. Jahrhundert die ebenfalls als zukunftsträchtig propagierte kristalline Form nie wirklich durchgesetzt, war bald von reduziertem Funktionalismus an den Rand gedrängt. Ganz verschwunden ist sie dennoch nie. Die Nazis etwa haben sich ergötzt am Doppelsinn des Kristallinen, das einmal als Erstarrung, dann aber auch als Wachstum lesbar ist. Noch heute taugt das Kristalline als Antithese strenger Leitbilder wie „Form follows function“ oder „Less is more“.

Vitus H. Weh hat gar eine „unheimliche Konjunktur des Kristallinen“ ausgemacht und traf für den Kunstverein Medienturm eine Auswahl an entsprechenden Unterwanderungen des allzu Schlichten in Kunst und Design. Zuvor beleuchteten Ausstellungen im kunsthaus muerz und im quartier21 die architektonischen bzw. modischen Aspekte des Themas. „Das blaue Licht“, auch Titel des Regiedebüts Leni Riefenstahls, konzentriert sich auf angewandte Formexperimente wie den berühmten „Chair_ONE“ von Konstantin Grcic, Thomas Feichtners eher nur schönes Besteck „Cutt“, den von Florian Ladstätter für die Firma Lobmeyr entworfenen Orchideenspiegel aus schwarzem Glas, der Schneewittchen schneller erstarren hätte lassen als jeder rote Apfel oder die nur auf den ersten Blick unbequeme Sofalandschaft „Monte Bello“ des Designer-Duos Walking-Chair.

Dazu gesellen sich eher spröde künstlerische Recherchen wie der erdig-unterkühlte Salon eines Meteoritenforschers, wie ihn die Künstlergruppe mahony imaginiert oder die von Björn Dahlem inszenierte Auseinandersetzung zwischen einer Tischuhr und einer weniger gefälligen weil kristallin vieleckigen Skulptur aus Dachlatten und Neonröhren. UT

Kunstverein Medienturm, bis 5. 9.


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