Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 34/09 vom 19.08.2009

Der Abgänger

Im Zeitalter der Telepräsenz hat ein Abgang von einem Ort an einen anderen wenig Spektakuläres, es sei denn, man streicht dem Offensichtlichen zum Trotz gerade das Spektakuläre daran heraus. Solch paradoxes Intervenieren war gewiss nach dem Geschmack des Medientheoretikers und Medienkünstlers Peter Weibel.

Weibel gab im Falter bekannt, er werde Wien verlassen. Peter Mahr interviewte ihn zu seinen Plänen und Motiven und erhielt Auskunft über das Institut für neue Medien, das Frankfurt an der Städelschule einzurichten im Begriff war und das Weibel betreuen sollte.

Mehr Auskunft erhielt er noch über Weibels Motive wegzugehen. Er sei hier immer nur im Exil gewesen, sagt der: „In Wien bin ich ja, was diesen stinkenden Schinken Kulturpolitik betrifft, seit Jahren ohnehin im Exil. Die Kultur, auf die ich mich berufe – Mach, Freud, Wittgenstein zum Beispiel –, ist ja in der Ersten Republik vertrieben worden. Die Zweite Republik hat die Schande, dass sie ein Komplize dieser Ersten Republik ist, weil sie diese Leute und deren Kultur nicht mehr zurückgeholt hat. Sie setzte die Vertreibung des Geistigen gleichsam fort. Und Künstler wie ich, die sich in ihrer Arbeit mit dieser vertriebenen Kultur beschäftigen, blieben Fremde im eigenen Land, Vertriebene. Ich bin ja die meisten Jahre hier in Österreich verhöhnt worden. Mich trägt kein Volk. Als ich 1974 einen 500-Seiten-Band über abstrakte Automaten herausgab, gemeinsam mit Kaltenbeck, hat ja keiner die Geschichtsmächtigkeit dieser Disziplin gesehen. Außerdem hat sich die politische Lage in Österreich verschärft, von Waldheim bis Haider. Es ist doch dieses Land immer noch extrem in parteipolitischer Hand, was die Arbeit für unabhängige Künstler und Theoretiker schwer macht (…) Ich sage immer: Was ist die Mafia gegen die Wiener SPÖ?“

Also nichts wie weg hier. Weibel ist übrigens bis zum heutigen Tag Professor an der Universität für angewandte Kunst geblieben. aT


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