Am Apparat Telefonkolumne

Herr Schleicher, feiert man das Ende der Finanzkrise zu Recht?

Politik | Interview: M. G. Bernold | aus FALTER 34/09 vom 19.08.2009

Traut man der Einschätzung von Volkswirten der Bank Austria und folgt man den optimistischen Prognosen deutscher Wirtschaftsforscher, dann hat Europa die Talsohle der Wirtschaftskrise durchschritten, und es geht bergauf. Der Grazer Wirtschaftsprofessor Stefan Schleicher hingegen zweifelt.

Was halten Sie von den Jubelbotschaften vom Ende der Wirtschaftskrise?

Ich würde da sehr vorsichtig sein. Speziell, wenn diese Jubelmeldungen aus der Finanzwirtschaft kommen. Viele der Bilanzen, die wir hier sehen, entspringen wohl dem Creative Accounting. Zu erwartende Verluste aus Osteuropa sind nicht ausreichend ausgewiesen.

Sie meinen, die Erfolgsmeldungen sind nur ein Schmäh?

Ich meine, die Wirtschaft ist nach wie vor weit weg von der Auslastung ihrer normalen Kapazitäten. Einige Sparten sind weit davon entfernt, die Krise überwunden zu haben. Vor allem der Automobilsektor, wo es fundamentale Probleme gibt. Da wurden jahrelang Autos produziert, die nicht zukunftsfähig sind und die jetzt in den Lagerhallen herumstehen.

Wie misst man eigentlich Wirtschafts-aufschwung?

Wir waren gewohnt, Wirtschaftsaufschwung mit mehr Umsätzen gleichzusetzen. Die Summe dieser Umsätze ergibt dann das Bruttoinlandsprodukt. Inzwischen geht die Rechnung nicht mehr auf, weil mehr Umsätze nicht notwendigerweise mehr Wohlstand bedeuten. Das sieht man zum Beispiel an den Gebäuden: Wenn wir in schlecht gedämmten Häusern wohnen, erhöht das Energieumsätze. Aber keinem geht es besser.

Wie sollte man denn vorgehen?

Ich würde von Aufschwung sprechen, wenn neue, stabilere Wirtschaftsstrukturen sichtbar werden. Bei Mobilität, beim Wohnen und bei der Energiepolitik im Übergang zu erneuerbaren Energieressourcen. In allen drei Bereichen sehe ich noch keine starken Signale.


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