Doris Knecht Selbstversuch

Wartet schnell, ich bin gleich wieder da

Kolumnen | aus FALTER 34/09 vom 19.08.2009

Die Frage, ob man alle Kinder mögen muss, wird täglich virulenter. Es ist kurz nach neun, draußen auf der Schaukel sitzt der Nachbarsbub, spielt Nintendo und wartet, dass sich einer erbarmt. Wenn sich einer erbarmt haben wird, pickt er bei uns, bis wir ihn abends heimschicken. Es macht ihm nichts aus, wenn Gäste da sind. Er gibt, das sind die Regeln, den Nintendo ab, hält ersatzweise kenntnisreiche Vorträge über Super Mario, Mario Kart und Mario Party und erkundigt sich periodisch, wann es endlich wieder etwas zu essen gibt. Wenn es endlich wieder etwas zu essen gibt, nimmt er sich von den acht Marmeladebroten sechs und schöpft sich drei Mal nach, bevor die anderen Kinder auch nur einen halben Teller ausgegessen haben. Er sagt nicht Bitte und nicht Danke, aber vorgestern beim Mittagessen meinte er während der dritten Portion Spaghetti Bolognese, dass er so eine Soße bisher nur einmal schlechter gegessen hat, und zwar letztes Jahr im Burgenland.

Bei einem niedlichen Kind wäre das möglicherweise, nun ja, niedlich. Der Nachbarsbub ist kein niedliches Kind. Einmal setzte er sich bei uns uneingeladen zum Abendessen und verfiel beim Coq au Vin in ein derartiges Weah und Würg und dass das die grausigste Soße sei, die er je gegessen habe, dass ich ein wenig ausfällig wurde. Naja, sehr ausfällig, jedenfalls entschuldigte ich mich danach bei ihm. Der Nachbarsbub verzieh mir großzügig und brachte mir anderntags ein von seiner Mutter handgeschriebenes Rezept einer anständigen Champignonsoße mit zwei Rindssuppenwürfeln mit.

Wenn wir mit den Kindern ins Schwimmbad oder an den See fahren wollen, verschwindet er für 20 Sekunden und kommt dann wieder mit einem Handtuch, einer Badehose und der Information, seine Mutter hätte erlaubt, dass wir ihn mitnehmen, wenn wir gut auf ihn aufpassen. Ob wir Lust haben, ihn mitzunehmen, auf ihn aufzupassen, ihn mit Sonnencreme einzuschmieren und ihm ein Eis und Pommes zu kaufen, interessiert hier niemanden.

Die Mutter erscheint alle vier oder fünf Tage, jeweils kurz nachdem der Nachbarsbub seine drei Mittagsportionen gegessen hat, um mitzuteilen, dass sie ihrem Buben jetzt etwas gekocht hat. Wir sagen ihr wie immer, dass der Bub schon gegessen hat. Sie sagt, aha, dann geht der Nachbarsbub mit hinüber, um endlich wieder einmal etwas Anständiges in den Magen zu bekommen. Eine Viertelstunde später ist er wieder da.

Gestern nutzten wir diese Viertelstunde, um heimlich ohne ihn ins Bad zu fahren. Nach einer halben Stunde ruft die Horwathin an, ob wir schon im Bad sind, sie kommen jetzt auch, fahren danach aber weiter zu einem Heurigen, ob wir bitte den Nachbarsbub vom Bad mit heimnehmen können, der ist nämlich vorhin aufgetaucht und geht sich jetzt nur schnell ein Handtuch und eine Badehose holen. Ich muss die Regeln ändern, sonst geschieht hier eine Straftat.


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