Nachrichten aus dem Inneren

Die Redaktion erklärt sich selbst

Falter & Meinung | Stefan Apfl | aus FALTER 35/09 vom 26.08.2009

Frühmorgens, wenn wir noch in unseren Betten gähnen, gleiten die beiden bereits sanft durch die verwinkelten und verrauchten Gänge der Redaktion. Wenn sie kommen, legen sie ihr Kopftuch ab, erst nach getaner Arbeit streifen sie es wieder über. Manchmal beginnen sie abends, wenn sich die Letzten im Schein der Tischlampen über Dokumente beugen. Dann haben sie ein kleines Mädchen dabei, das verschämt in einer Ecke wartet. Die beiden wissen, was wir essen, wie viel wir rauchen und welche Bravo-Poster am Herrenklo hängen. Weil sie es seit Jahren putzen.

Doch wir bleiben einander fremd. Wenn Florian Obkircher eine Nachtschicht schiebt, um die aktuellen Partytermine einzutragen, sehen sie bloß den rothaarigen Jungen mit dem müden Blick. Kramt Florian Klenk nachts sein Weisungssackerl hervor, um die Republik auch in der folgenden Woche aufzuschrecken, bleibt er für sie der Herr im Anzug, der seit einigen Wochen wieder einen Aschenbecher braucht. Und steigt Matthias Bernold alle paar Wochen in einen neuen Wagen, ahnen sie nicht, dass der Brigittenauer Kosmopolit schon wieder ein Auto testet. Wir müssen ihnen doch recht seltsam vorkommen, aber gesagt haben sie noch nichts. Die Namen der beiden türkischen Damen, die unseren Mist wegräumen, kennen wir dennoch nicht. Es hat noch keiner gefragt. Außerdem sind sie meist schon weg, wenn wir erscheinen.

Vor einigen Wochen erschien eine der beiden plötzlich nicht mehr zum Dienst. Sie reiste in die Türkei, zur Hochzeit ihrer Tochter. Wir gratulieren. Nun ist sie wieder jeden Morgen hier.


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