Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Das beste Bühnenbild der Welt der Woche

Feuilleton | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 35/09 vom 26.08.2009

Du erlebst jetzt gleich ein Wunder

Spätestens wenn du an der Rezeption deine Schuhe abgeben musst, weißt du, dass dies kein gewöhnlicher Theaterabend wird. Und dass du hier mitspielen musst. Du betrittst das aus Sperrholzwänden gezimmerte „Hotel“ und suchst dein Zimmer. Es ist spartanisch eingerichtet: ein Bett, eine Lampe, verspiegelte Decke.

Durch den Türschlitz wird ein Fragebogen gesteckt, den du ausfüllen sollst. Einen Kugelschreiber findest du unter dem Kopfpolster. Was hast du heute Nacht geträumt? („Weiß ich nicht mehr“), Wo hast du eine Narbe? („Auf der Hand – Hundebiss“).

Nachdem du diesen und noch einen zweiten Fragebogen ausgefüllt hast (die Antworten werden später in einen Text eingebaut), darfst du dich endlich hinlegen. Du machst es dir gemütlich. Und du erlebst jetzt gleich ein kleines Wunder. Die verspiegelte Decke fährt in die Höhe, sodass du nicht mehr nur dich selbst, sondern auch die 29 anderen Besucher sehen kannst, wie sie in ihren Zimmerchen auf ihren Bettchen liegen.

Ein fantastischer Effekt, der eine paradoxe Situation zeitigt. Einerseits bist du ganz auf dich selbst zurückgeworfen, andererseits fühlst du dich als Teil einer Gemeinschaft aufgehoben.

Du bist gemeinsam einsam, Akteur und Voyeur in einem. Interessant, dass viele Männer wie du da liegen – eine Hand hinter dem Kopf, die andere auf dem Körper. Aber was hat es zu bedeuten, dass Frauen anders liegen?

Der niederländische Regisseur Dries Verhoeven hat beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele seine Produktion „You Are Here“ gezeigt (und damit den Wettbewerb gewonnen). Dass Verhoeven gelernter Bühnenbildner ist, merkt man: Seine Arbeit ist mehr szenische Installation als Inszenierung, die Bühne ist die Hauptattraktion.

Du findest das, was auf dieser Bühne dann noch stattfindet, etwas läppisch. Aber du wirst nie vergessen, wie dir das Theater einmal ganz konkret den Spiegel vorgehalten hat.


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