Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 35/09 vom 26.08.2009

Ins Kino gehen, Frau Schneiderer treffen

Frau Schneiderer, die alte Bankberaterin, liebt den Sommer nicht so richtig. Es gibt keinen Sturm, keine Grazer Messe, die Chefs sind mit ihren Frauen auf Inseln mit Namen, die keiner aussprechen kann, und Tatort ist in der Sommerpause. Also trifft man Frau Schneiderer im Kino. Wenn man aber eine intensive Beziehung zu seiner Bankberaterin hat, hat man, wie auch mit einer Geliebten, schon den cinema-peak erreicht: Das heißt, es gibt keine Filme mehr, von denen man sich erzählen kann. Und über Filme, die man beide gesehen hat, kann man nur in Ausnahmefällen sprechen, nie aber mit Intim-, Familienpartnern oder Bankberaterinnen. „Inglourious basterds“ liefert gerade ein schönes Beispiel. Also spricht man mit seiner Frau Schneiderer über Krems, aber: Auch hier kommt man schnell zum toten Punkt. Und der tote Punkt ist: Auch Frau Schneiderer mag die Polizei nicht. Überhaupt nicht. Aber angesichts der Krise hat sie ganz, ganz stark das Gefühl, dass sie sie sehr bald brauchen könnte. Weil sie das Einfamilienhaus, das sie irgendwann haben wird, wenn sie weiter klug investiert, beschützt, wenn die ersten Krawalle starten. Dass die Krawalle starten, daran hat die Bankberaterin keine Zweifel. Junge enttäuschte Grazer werden durch die Außenbezirke ziehen, plündern und brandschatzen. Und dann wird Frau Schneiderer einen Freund brauchen, und deshalb sorgt sie schon jetzt vor und hat eine ganz klare Meinung.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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