Wir Seiltänzer

Politik | aus FALTER 36/09 vom 02.09.2009

Wenn traumatisierte Flüchtlinge in einer Therapiestunde sitzen und reden, brauchen sie Dolmetscherinnen. Ich bin eine von ihnen

Erfahrungsbericht: Julya Rabinowich

Sie haben zuerst den Hund erschossen, dann meinen Mann getötet und mir Gewalt angetan“, sage ich. Ich sage das zusammenhängend, mit ruhiger Stimme und guter Artikulation der einzelnen Laute. „Seitdem bin ich nicht mehr die Gleiche. Nichts und niemand ist noch gleich.“ Dann lächle ich höflich, blicke konzentriert auf den Boden und höre zu.

Was für Opfer Monate dauert, ist für mich ein kurzer Augenblick, ich muss nur die Geduld haben, lange genug auf Worte zu warten, genau hinzuhören, damit mir in dem Aufwallen verschiedenster Gefühle kein Ausdruck verlorengeht, weder zu früh zu stoppen noch zu spät, wenn der Sprachduktus so beschleunigt wird, dass man einzelne Worte nicht mehr herauskennt.

Ich bin der Draht, der zwischen Patientin und Therapeut heißläuft, wenn ich versage, ist der Erfolg der Behandlung infrage


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