Neu im Kino

„Home“ ist, wo die Autobahn ist

Lexikon | Maya Mckechneay | aus FALTER 36/09 vom 02.09.2009

Nur wenige Meter neben einer nie fertig gebauten Autobahn lebt ausgelassen und zufrieden eine Familie: Mutter, Vater und drei Kinder grillen am Fahrbahnrand, schauen in der Wiese fern oder spielen Rollerhockey auf dem schon brüchigen Asphalt. Bis eines Tages Bautrupps die Idylle bedrohen ...

Mit „Home“ hat die junge Frankoschweizerin Ursula Meier ihr Bravourstück vorgelegt: komplett absurd die Handlung um eine Familie, die am Rand der Welt ihr anarchisches Nest verteidigt. Oder ist am Ende alles logisch? Wie in J.G. Ballards dunkler Autobahnrobinsonade „Concrete Island“ wirkt das Szenario umso glaubwürdiger, je detailgenauer sich die Handlung mit der Überlebenslogik des Nicht-Raums befasst: Wie das Gemüse vor den Abgasen schützen? Wie schlafen, wenn die LKWs quasi durchs Wohnzimmer brettern? Wie die Einkäufe von einer Fahrbahnseite auf die andere transportieren? Je länger man die Überlebenstaktiken der Familienmitglieder beobachtet, desto stärker sympathisiert man dem wilden Trotz der fünf, die ihr kleines Paradies gegen die Blechlawine verteidigen.

Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? „Home“ ist natürlich beides. Ähnlich Tatis „Playtime“ oder Faraldos „Themroc“ verdichtet der Cannes-Beitrag die Absurdität der modernen Existenz zum Raum-Plan-Spiel. Wo eine technisierte Umwelt den Menschen abstößt, muss dieser erst Recht mit Witz und Schläue parieren.

Dabei sind die Hauptrollen perfekt besetzt: eine stets verstrubbelte Isabelle Huppert als Mutter von drei Kindern, ein außergewöhnlich extrovertierter Olivier Gourmet als zugehöriger Vater und Bulgarien als Stand-In für die amerikanische Prärie. Mitten in dieser zitieren die bunt bedruckten Kattunkleider der Huppert den Fortschrittsglauben der 50er Jahre. Wirtschaftswunder, why not?, scheinen sie zu fragen. Und „Home“, der Vorher-Nachher-Film für die motorisierte Gesellschaft, weiß eine phantasievolle Antwort.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Filmhaus am Spittelberg)


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