Neu im Kino

Herber Realismus aus Peru: „La teta asustada“

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 36/09 vom 02.09.2009

Wie ein Vorhang hebt sich das Gartentor einer beschaulichen Villa im Grünen: Gleich dahinter tobt der Großstadtbetrieb von Lima. Immer wieder findet „La teta asustada“ solche sehr konkreten, zugleich unwirklich schillernden Bilder für das Nebeneinander von ländlicher Tradition und urbaner Moderne, europäisierter Oberschicht und indigenen Arbeitermassen, Bürgerkriegsgeschichte und Volksglauben im Peru der Gegenwart.

Der Punkt, an dem sich all diese Gegensätze und Ungleichzeitigkeiten kreuzen, ist die verhuschte 20-jährige Fausta (außergewöhnlich: Magaly Solier). Der Terror, den die Guerillatruppen der Oppositionspartei Sendero Luminoso in den 80er-Jahren unter der Landbevölkerung Perus verbreiteten, sitzt ihr wortwörtlich noch tief im Leib: Als Schutz vor Vergewaltigungen hat sich Fausta vor Jahren eine Kartoffel in die Vagina einsetzen lassen, die sie nach wie vor nicht entfernt haben will.

Faustas verschrecktes Verhalten, ihre Agoraphobie und plötzlichen Ohnmachtsanfälle erklären die Verwandten sich als Symptome der „verschreckten Brust“ („teta asustada“), einer Krankheit, die laut andischer Mythologie durch die Milch trauriger Mütter weitergegeben wird.

Claudia Llosas („Madeinusa“) Inszenierung wechselt nonchalant zwischen haptischen Großaufnahmen und Tableaus aus sicherer Distanz: Die Unterscheidung zwischen persönlicher Perspektive und Gesellschaftspanorama ist hier hinfällig. Noch die Lieder, die Fausta bei der Arbeit vor sich hin improvisiert, erzählen von kollektiven offenen Wunden. Auch wenn die Metaphern manchmal ein wenig gar hermetisch vor sich hin wuchern: der beste Berlinale-Hauptpreisträgerfilm seit Jahren.

Ab Fr im Stadtkino Wien (OmU)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige