Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Die schönste Nervensäge der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 37/09 vom 09.09.2009

Sternenstaub aus dem Saxofon

Es gibt Menschen, die halten Andy Mackay von Roxy Music für, nein, nicht den besten, sondern für den einzig erträglichen Saxofonisten. Mackay ist wirklich kein besonders guter Saxofonist, aber (neben Karl Jenkins von Nucleus) fraglos der bedeutendste elektrisch verstärkte Oboist der Rockgeschichte – und eben der Saxofonist für Saxofonverächter.

Solchen kann man von „Blood from Stars“, dem jüngsten und elften Album des Singer/Songwriters Joe Henry, nur abraten. „Over Her Shoulder“, eine archaisch schlichte und berührend schöne Sax-Ballade, müssen sie überspringen (ein Horror für Vinylpuristen), und „Stars“ ist für sie sowieso auf ewig verloren – was ihnen nur recht geschieht, denn sie ignorieren ja auch das Gesamtwerk von Lester Young, Charlie Parker, Lee Konitz, Sonny Rollins, John Coltrane oder Ornette Coleman.

Und dann erst „Stars“! Die wohl schönste Nummer des Albums beginnt mit einem sehr lässigen, von synkopischer Perkussion unterlegten, hochinfektiösen Gitarrenriff, quasi Mitwippbefehl. Sehr schnell stellen sich Weltumarmungstendenzen ein, die in einem kurzen „Lalala“-Refrain kulminieren.

„You called out something in your sleep – it was not my name“, singt Henry, und jetzt, es sind eine Minute und 28 Sekunden vergangen, müssen die Saxofonverächter erstmals zusammenzucken. Aber es kommt noch viel dicker! Nach knapp zwei Minuten nämlich legt das Sopransaxofon dann so richtig los, flicht seine Klanggirlanden ins erhabene Dröhnen, bohrt sich in einem Loop fest, ornamentiert näselnd und prustend den Gesang: „Lalalalala“, schnief!, fiep!, quäk!, schneuz!

Es ist so ziemlich das wunderbarste Sopransaxofon, seit Lol Coxhill Kevin Ayers begleitet hat, und dass es von Papa Joes Sohn Levon Henry gespielt wird, verleiht der Sache auch noch zusätzlich etwas Rührendes – wovon Saxofonverächter natürlich erst recht nichts haben, denn das sind kalte, herzlose und dumme Menschen.


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