Enthusiasmuskolumne Diesmal: Die beste Vatermilch der Welt der Woche

Eine Freundschaft fürs Leben

Feuilleton | Florian Obkircher | aus FALTER 38/09 vom 16.09.2009

Am Anfang war da dieser Song, dieses Stück raue Energie. „Geh in die Knie, beweg deine Hüften, klatsch in die Hände, tanz den Mussolini.“ Starker Tobak in den Ohren eines Achtjährigen. Es war die atemberaubende musikalische Brutalität, dieses wilde Synthesizerriff, gekoppelt mit Delgado-López’ monotonem Sprechgesang, was mich aus dem Universum meiner noch recht unbedarften Popsozialisierung zwischen den Schlagerkassetten im Auto meiner Großeltern und dem Frank-Zappa-Fantum meines Vaters riss.

Irgendwie hatte sich dieses Album in dessen Plattenregal verirrt. Eingezwängt zwischen Reggaescheiben und dem fast vollständigen Werk Zappas, wirkte dieses Cover, das das Antlitz zweier verschwitzter Männer zierte, seltsam anziehend. „Deutsch-amerikanische Freundschaft“, stand darauf, in dicken, weißen Lettern.

Das Werk hieß „Alles ist gut“. Und schon beim ersten heimlichen Anhören war mir klar: So klingt pure Energie. Leider fand diese frühe DAF-Begeisterung ein jähes Ende: Als meine Mutter mich dabei ertappte, wie ich im Kinderzimmer lautstark irgendetwas von Jesus Christus, Hitler und Mussolini grölte, verschwand die Platte von einem Tag auf den anderen aus dem Regal. Da half auch Betteln nichts.

„Dir gefällt so etwas? Dann hör dir erst das hier an!“, so mein Vater auf meinen flehenden Kinderblick, und er drückte mir das erste Ideal-Album in die Hand. Aber blaue Augen sind eben kein Mussolini, Ideals NDW-Punk halt nur eine Light-Version von DAFs minimalistischem Wahnwitz.

Einige Monate später lag „Alles ist gut“ dann plötzlich auf meinem Nachttisch. Ob da der Musikliebhaber oder der Kinderfreund in meinem Vater durchgekommen ist, kann ich bis heute nicht sagen, wir haben nie darüber gesprochen. Am Samstag jedenfalls, wenn Delgado-López beim Reunion-Konzert über die Bühne der Szene Wien jagt, soll sie dessen Unterschrift und eine längst überfällige Widmung bekommen: Danke, Papa.


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