Phettbergs Predigtdienst

Jedes Wort ist eine Großmacht

Kolumnen | aus FALTER 38/09 vom 16.09.2009

Tief in der Nacht und ohne Lärm und Geruch hab ich die beste Orientierung. Ein Funken Licht, und ich bin im Glauben. Je weniger, desto intensiver! Es ist sehr gut gewesen, dass sich nie wer mit mir liierte und ich allein blieb. Das Samenkorn, das sich nie teilte, blieb allein und verdorrte. Darum bin ich so narrisch auf mich. Ich, der sich nie teilen konnte, der nie zu leben erlernte. Jetzt sitz ich da und gestehe alles!

Ich war zu patschert zum Leben. Nun kann ich nur weinen. Andererseits kann ich froh sein, dass ich sexuell immer so dürr war und ich mich nie mit HIV ansteckte. Denn ich wär sicher schon tot, so wie ich um Sadisten bettelte. Doch es hat sich nie ein Sadist für mich interessiert. Ich bin wahrlich der reine Afterduft!

Jedes Wort ist eine Großmacht. Du kniest nieder und betest es an. Wenn ich auch einmal vor einem Sadisten knien dürfte! Als ich mir das geniale Begriffspaar „Eierlikör oder Frucade“ zum ersten Mal selbst vorsagte, verliebte ich mich sofort in es – und schon ist mein Theater entstanden. Und alle, die es hörten, verliebten sich ebenfalls. Weil ein Land, das voll von Wein ist, stutzte: Das ist einer, der lieber Frucade oder Eierlikör tränke als Wein?

So einfach verbrachte ich meine volle Leerheit. Ich bin vollkommen leer und gleichzeitig voll erfüllt. Jetzt kommt wieder die Leier: Ich habe nur geringste Bildung, Hauptschule und so ... Aber ich habe eine gewisse Theaterbegabung.

Das Gute an den Gestionsprotokollen ist die „minütliche Abmischung“. Aber ich erschrecke regelrecht, wenn ich am Computer einen Buchstaben total vergrößert sehe (eine notwendige Einstellung seit der Gehirnblutung). So nah sah ich dich noch nie, lieber Buchstabe! Wenn das plötzlich umgestellt würde, stünde ich blöd da, ahnungslos wie eine Kuh vorm neuen Tor. McGoohan ist Spezialist geworden im „Studieren“ meiner Tippfehler. Er weiß, wie Tippfehler in meinem Blindgetippe sich formieren.

Geschriebenes und Gelebtes sind zwei Paar Schuhe. Wenn ich hier einen Satz radebreche, ist er weit entfernt vom Gelebten. Was ich schreibe, habe ich bei weitem nicht zu Ende gedacht. Darum sind die Gestionsprotokolle ja da: Damit ich es selbst ins Hirn einbauen kann. F

Die ungekürzte Version des Predigtdienstes ist über www.falter.at zu abonnieren.

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