Doris Knecht Selbstversuch

Ich glaube, dort gefällt es mir nicht

Kolumnen | aus FALTER 38/09 vom 16.09.2009

Der Plan ist, ein bisschen fiktionale Distanz zwischen diese Kolumne und meine Wirklichkeit zu legen. Es wird auf die Dauer langweilig, wenn es jedes Mal, wenn ich was erzählen will, heißt: Weiß ich schon, hab ich schon gelesen. Plus werde ich immer harmoniesüchtiger und sehe nicht mehr so gern die hochgezogenen Augenbrauen von den Leuten, die nicht darum gebeten haben, ihre privaten Angelegenheiten im gleißenden Licht der Öffentlichkeit wiederzufinden.

Vielleicht sollte ich es machen wie Rubinowitz, der es macht wie Lottmann, und ein paar reale Personen in ein paar fiktive Situationen schicken, aber ich glaube, ich mag Lottmann nicht. Also jetzt als Schriftsteller, privat kenne ich ihn ja nicht, obwohl es natürlich ein erster Schritt wäre, hier zu behaupten, ich wäre letztes Jahr mit Lottmann und Rubinowitz aus dem Meinl am Graben geworfen und mit lebenslangem Hausverbot belegt worden, weil Lottmann und Rubinowitz sich dort in meinem Beisein einen Faustkampf mit Spucken und Tellerwerfen geliefert hätten.

Und ich hätte einmal mit Lottmann in Darmstadt Rainald Goetz getroffen, und wir hätten im Landgraf Ludwig VIII ein Hirschragout zurückgehen lassen, bevor wir im Nachtcafé-Club gemeinsam die Glieder schüttelten. Wäre aber eben ein peinlicher Abklatsch und überdies ein Schritt in die falsche Richtung; da will ich nicht hin, dort gefällt es mir nicht. Und vielleicht kann ich ja überhaupt nur Wirklichkeit, vielleicht ist mir das Talent zur Dichtung gar nicht gegeben.

Aus der Wirklichkeit der letzten Woche, als ich auf einer Hochzeit beschimpft wurde, wäre noch etwas nachzureichen: Denn den Kerl hätte ich, so erklärten Braut wie Bräutigam hinterher, ruhig tüchtig zurückbeschimpfen, ja von ihnen aus gerne auch mit der einen oder anderen Tätlichkeit bedenken dürfen; offenbar hätte es keinen Falschen getroffen. Und ich war wohl auch bereits der fünfte oder sechste Hochzeitsgast, der sich über den Herrn beschwert hatte. Hätte ich gern gemacht; zu spät.

Aber ich habe ja regelmäßig im rhiz Gelegenheit, Gäste zu beschimpfen, die meinem Musikgeschmack erstens reserviert gegenüberstehen und das zweitens nicht für sich behalten können. Der Lange ebenfalls: Wobei ich mich frage, wie der auflegt, wenn ich nicht dabei bin, weil ich ihm letztes Mal von jeder zweiten CD die Titel vorlesen musste. „Now I’m a Fool“, welcher Track ist das? Sechs, Schatz. Zu kleine Schrift. Daran denkt die Musikindustrie wieder nicht, dass zahllose DJs bereits ein fortgeschrittenes Alter erreicht haben und ihre Arbeit in den Clubs und Underground-Lokalen ungern mit einer Lesebrille verrichten. Und, jajaja, ich WEISS, dass ich dir das schon einmal erzählt habe. F

Doris Knecht liest am Do, 17.9., um 20 Uhr im Rahmen der unik.at-Vernissage in der Gartenvilla (8., Albertgasse 33) und legt am So, 20.9., im rhiz auf, live: Glen Meadmore. www.dorisknecht.com


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