Fragen Sie Frau Andrea

Topmusikalisch: Taurus tönt traumhaft

Kolumnen | aus FALTER 38/09 vom 16.09.2009

Liebe Frau Andrea,

beim Befahren des Semmerings mit einer Taurus-Lok fiel mir auf, dass diese beim Anfahren eine Tonfolge von sich gab. Wurde das beabsichtigt? Um welche Intervalle handelt es sich und wie kommen diese zustande?

Mit besten Grüßen,

Petra Herbek-Nechvatal,

per Elektropost

Liebe Petra,

die von Ihnen auf hochromantischer Bergstrecke belauschte Lokomotive ist nicht nur hochmusikalisch, sie gilt auch als schnellste der Welt. Am 2. September 2006 stellte eine Siemens-Elektromotive vom Typ EuroSprinter 64 U4 (bei den ÖBB als Taurus III oder Typ 1216 bekannt) einen Geschwindigkeitsweltrekord für handelsübliche E-Loks auf. Im mittelfränkischen Hilpoltstein, 30 Kilometer südlich von Nürnberg gelegen, beschleunigte eine 8583 PS starke Taurus auf sagenhafte 357,0 km/h. Damit egalisierte sie den Rekord einer französischen Lokomotive, die 54 Jahre zuvor mit 331 km/h dahingetschindert war.

Die Sounds, die Tauren beim Anfahren von sich geben, sind tatsächlich eine Tonfolge. Sie sind das Ergebnis komplizierter elektrotechnischer Vorgänge, in deren genauer Beschreibung die Begriffe Frequenzsteuerung, Vierquadrantensteller, Wechselstrom, Gleichstrom, Pulsbreitenmodulation, Drehstrom, Pulswechselrichter, Fahrmotor, Fahrleitungsspannung, Kondensator, Spannungszwischenkreis, Einspeisung, Zwischenkreisspannung, Sinuswert, Pulsweitenmodulation, Asynchronmaschine, Fahrmotorwicklung, Taktfrequenz, Umrichter und Geräusch vorkommen. Um es kurz zu sagen: Techniker können die Taurus so einstellen, dass sie beim Anfahren Melodien von sich gibt. Spaßeshalber waren in frühen Exemplaren schon die Lieder „Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld“, „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“ und ähnliche Programmmusik zu hören gewesen. Das Bahnpublikum soll nur auf die österreichische Bundeshymne positiv reagiert haben, und auch das nur in Maßen. Was blieb, ist die Tonfolge GAHCDEFGAHCD. Musiker kennen diese Variante der C-Dur-Tonleiter als G-mixolydische Tonleiter. Nichtpianisten können die Taurusmelodie jederzeit auf den weißen Klaviertasten anspielen. Für wahrhaftige Taurus-Coverversionen sollen Bahnfreunde allerdings ein Cello verwenden. F


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