Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Bestes mobiles Heim der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 39/09 vom 23.09.2009

Oh take us up where we belong

Ein Sessel ist ein Sessel, auch wenn niemand drin sitzt – „But a chair is not a house / And a house is not a home / When there’s no one there to hold you tight, / And no one there that you can kiss tonight“. Burt Bacharachs berühmter, von Hal David kongenial getexteter Transzendentale-Obdachlosigkeit-Hit könnte die Begleitmusik zum neuen Produkt aus dem Hause Pixar/Disney liefern.

Dass „Up“ im Falter bislang ignoriert wurde, ist ein peinliches Versäumnis, für das ich mich hiermit entschuldigen möchte. Dass der Animationsfilm (Regie und Buch: Pete Docter) bereits in der ersten Woche in schuhschachtelgroße Multiplexsäle verräumt wurde, ist zwar nicht unsere Schuld, aber eine Ungerechtigkeit, gegen die man anschreiben muss.

Mit einem Sinn für Ökonomie und Timing, der im zeitgenössischen Kino mehr als rar ist, wird in den Eingangsminuten (fast) ein ganzes Lebens abgespult: Der schüchterne Carl Fredericksen begeistert sich für einen flamboyanten Forscher und begegnet der ähnlich enthusiasmierten, aber ungleich extrovertierteren Ellie, die er heiratet. Der gemeinsame Lebenstraum bleibt unverwirklicht, nach zirka zehn Filmminuten ist Carl 78 Jahre alt und Witwer – sie zählen zu den beglückendsten und herzzerreißendsten, die man in den letzten Jahren erleben konnte. Mit einer Riesendolde bunter Luftballons kriegt der sanfte Grumpy Old Man sein Haus flott und kann sich für den Rest des Films mit einem überambitionierten Pfadfinder, sprechenden Hunden, exotischen Vögeln und seinem übergeschnappten Jugendidol herumschlagen.

„Up“ ist der Film, den Steven Spielberg gedreht hätte, wenn er seine Zeit nicht mit infantilem Zeug wie „Indiana Jones“ verplempert hätte: ein irrwitziges Action-Spektakel, ein rührendes Buddy-Movie, ein bewegendes Melodram, das leichthändig mit Großmetaphern für die Conditio humana jongliert, ohne die bei Bacharach besungene Wahrheit aus dem Auge zu verlieren. Seit „A Perfect World“ habe ich nicht mehr so geweint.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige