Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 39/09 vom 23.09.2009

Vor 160 Jahren wurde in der Sowjetunion das Wochenende abgeschafft, das heißt: auf den Freitag gelegt. Im revolutionären Kalendersystem gab es nur noch fünf Tage, von denen einer frei war, für jeweils ein Fünftel der Belegschaft. So sollte die Produktivität gesteigert werden. Es hat selbstverständlich nicht funktioniert. Heute ist es so, dass die Wirtschaft nur wachsen kann, wenn alle viel Zeit haben, weil sie dann Dienstleistungen in Anspruch nehmen, die im Gegensatz zu Autos die Umwelt nicht so belasten und sich nicht so lange halten: Therapie, Massagen, Sex, Bandwettbewerbe, Coaching. Coaching geht so: Wenn ich mir etwas lang genug vorstelle, wird es auch eintreten. Da kann’s schon passieren, dass ein Teilnehmer nach zwanzig Jahren in derselben Tätigkeit draufkommt, dass ihm das nie Spaß gemacht hat. Diesem „Aha“-Erlebnis folgt dann eine weitere Begleitung durch die Trainer und so weiter. Jeder weiß, dass es bei einem Sonntagabendbier nichts Leichteres gibt, als jemanden mit der Nase vollgas auf die Tatsache zu stoßen, dass ihm das Leben eh voll auf den Senkel geht. Anderen so den Abend und, wenn’s geht, die ganze Woche zu versauen, macht ziemlich Spaß, womit wir bei einer weiteren Binsenweisheit der neuen Arbeitswelt angelangt sind: Die lustigen Jobs (Fußball spielen, wahnsinnige Summen hin- und herschieben, Österreich repräsentieren) sind immer besser bezahlt als die faden (Klo putzen, Korrektur lesen, Autos bauen).


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