Doris Knecht

Vermutlich hat ihn seine Mutter zu lange gestillt

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 39/09 vom 23.09.2009

Jetzt schickt mir Sedlacek jede Woche ein SMS des Wortlauts: Du bist super. Immer: Du bist super, alle paar Tage. Seit ungefähr acht Wochen geht das so, und ich habe noch kein einziges Mal darauf geantwortet, was einen normalen, sensiblen Menschen vermutlich an der Effizienz der gewählten Strategie zweifeln ließe. Allerdings handelt es sich bei dem Absender um Sedlacek, deshalb rechne ich noch mit weiteren acht, zehn oder zweiundzwanzig gleichlautenden Nachrichten. Die ich ebenso ignorieren werde. Das Nachtragendsein gelingt mir bei Sedlacek, das fällt mir auf, jetzt immer besser, und besser als bei anderen: Was aber möglicherweise im Kontext damit steht, dass ich mir Sedlaceks damaliges Arschloch-SMS noch immer jederzeit vergegenwärtigen kann, und es regt mich noch immer mörder auf, und der Trottel hat sich noch immer nicht dafür entschuldigt.

Das wiederum dürfte unmittelbar damit zusammenhängen, dass Sedlacek zwar niemals vergisst, wie ihn einer, zum Beispiel der Hofer-Pepi in der zweiten Klasse Volksschule, nicht von seinem Käsbrot hat abbeißen lassen, oder dass ich ihn zu seinem 36. Geburtstag nicht beschenkt, ja nicht einmal angerufen habe, weil ich, was für Sedlacek kein Grund ist, in boshafter Ignoranz gerade in den Wehen lag. Anderseits vergisst er schon circa übermorgen auch die ungeheuerlichsten Untergriffe, die miesesten Frechheiten, die ihm anderen gegenüber ausgekommen sind, ja er erinnert sich nicht einmal an die wirklich gezielten, mit äußerstem Vorsatz auf das meist amikal gesonnene Gegenüber abgeschossenen Treffer. Wahrscheinlich, weil es funktioniert; die meisten Menschen halten Sedlacek für nicht hundertprozentig zurechnungs- und somit auch nicht für satisfaktionsfähig und sehen ihm seinen periodischen Arschlochismus mit der Generosität der Gescheiteren nach. Habe ich auch gemacht. Mache ich nicht mehr. Fertig, da braucht’s jetzt einmal ein bisschen mehr, der soll jetzt einmal etwas lernen. Nach ein paar mit der charakteristischen Sedlacek’schen Zärtlichkeit formulierten Wasistjetzts, Warumspinnstdennduschonwieders und Zicknichtimmersoherums seinerseits ließ ich ihn meinerseits kurz wissen, dass seine penibel ausformulierte Kränkung durchschlagenden Erfolg gehabt habe, und er nun bitte mit den Folgen leben soll. Und genau wie ich’s erwartet habe, kroch Sedlacek keineswegs zu Kreuze, sondern schickte eine völlig verständnislose SMS zurück, dass er keine Ahnung habe, wovon ich da rede. Das soll der jetzt mal ohne meine Hilfe herausfinden. Du bist super. Meine Güte.

Die Frage ist, wer an so einem Sedlacek Schuld trägt. Ich sag’s ungern, aber ich verdächtige seine Mutter. Die hat ihn vermutlich zu lange gestillt oder ihn fürs Deppertsein tüchtig belohnt, in der Hoffnung, das würde aus ihm einen sensiblen, dankbaren Menschen machen. Das hat nicht funktioniert, aber gar nicht.


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