Kritik

Technik verschwindet, Kunstwerk entsteht

Lexikon | aus FALTER 40/09 vom 30.09.2009

Es gehörte zum Muss einer jeden Hochzeitsfeier: Während das Brautpaar über die Tanzfläche fegte, rüstete sich ein Foto-Team mit Polaroid-Kamera, Album und Klebestift, um Momente eines rauschenden Festes einzufangen. Seit Februar 2008 müssen sich Gäste andere Fotogeschenke ausdenken. Polaroid stoppte die Produktion seiner Instantfilme, der Sieg der Digitalkamera über die Sofortbildkamera war damit endgültig besiegelt.

Das Verschwinden von Polaroid nimmt Christian Mayer nun zum Anlass für sein aktuelles Projekt. So stellt er einen Test nach, den der berühmte amerikanische Landschaftsfotograf Ansel Adams bereits 1963 durchführte, um den Belichtungsspielraum des Polaroid Nr. 55 zu demonstrieren. Experimentell auch jene Arbeit, für die der Künstler Negative desselben Filmtyps auf die Blätter einer Bananenpflanze klebt: aufgrund der Photosynthese hinterlassen die Bilder dort einen Abdruck. Auf 450 Polaroids, welche die Dreharbeiten zum Film „The Mission“ (1986) dokumentieren, der vom Genozid an dem südamerikanischen Volk der Guaraní handelt, greift Mayer zurück, um die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu verunklären. Denn von jenen Fotos, die auf die filmische Inszenierung hinweisen, sind nur die schwarzen Rückansichten zu sehen.

Insgesamt verstricken sich in dieser Schau auf beeindruckend vielschichtige Weise Aspekte, welche die Verbildlichung und Archivierung unserer Realität ebenso berühren wie die symbiotische Verbindung von Vergessen und Erinnern.

Was aber, wenn das Abgelichtete nur in der Vorstellung existiert? Ted Serios aus Chicago war zeitlebens für seine Gedankenfotografien auf Polaroidfilm bekannt, die er angeblich dank seiner psychischen Kräfte zustande brachte. Auch das ist Mayer im Zuge seiner Recherchen nicht entgangen. MJ

Galerie Mezzanin, bis 13.11.


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