TheaterKritik

„Krankheit der Jugend“: Studenten unter Druck

Steiermark | Gregor Schenker | aus FALTER 40/09 vom 30.09.2009

Neunzehnhundertvierundzwanzig schrieb der Theaterdirektor Theodor Tagger unter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner sein expressionistisches Stück „Krankheit der Jugend“, das anhand einer Gruppe von Medizinstudenten eine Generation beschreibt, der die Werte verlorengegangen sind und die zwischen Dekadenz und Haltlosigkeit zerbricht. Nach 1968 erlebte es eine Neuentdeckung, und bis heute steht es auf den Spielplänen, so auch in einer Neudeutung von Nuran David Calis in Essen, Februar dieses Jahres. Auf der Probebühne des Schauspielhauses dient es nun einer weiteren Zusammenarbeit mit Schauspielstudenten der Grazer Universität, die vor zwei Jahren schon zu einer grandiosen Wolf-Haas-Dramatisierung führte.

Diesmal will sich die Inszenierung (Henner Kallmeyer) allerdings nicht entscheiden und stößt die jungen Protagonisten in einen leeren Theaterraum mit grünbezogener Fauteuillandschaft (Bühne und Kostüme: Franziska Gebhardt). Natürlich zeichnet Kallmeyer kein Sittenbild der 20er-Jahre, denn das würde dem Publikum die Herstellung aktueller Bezüge ja selbst überlassen, er schafft auch keinen Kosmos, der für sich selbst steht. Die Inszenierung will aktuell sein, beschränkt sich aber darauf, dem Ensemble aktuelle Ware von der Stange anzuziehen. Anstatt mit den jungen Leuten gemeinsam kreativ zu arbeiten, soll den, sicher hochtalentierten Studenten, hier wohl gezeigt werden, wie gutes Schauspiel zu funktionieren hat. Das erzeugt flächendeckend einen massiven Druck, der sich von Beginn an auf das Spiel legt und erst nach drei Vierteln der Aufführungsdauer nachzulassen beginnt.

Dienstbotin Lucy (Anna Kathrin Rausch) muss Ewigkeiten mit schmachtendem Blick neidvoll dem Treiben der besseren Leute von hinten zusehen. In Kombination mit den großen Gefühlen, die einem da entgegenschwappen, vermeint man einer Folge der Sat.1-Soap „Anna und die Liebe“ mit Jeanette Biedermann beizuwohnen, ohne dass dies als Stilmittel aber konsequent genutzt wird.

Schauspielhaus, Probebühne, Mi 20.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige