Phettbergs Predigtdienst

Es ist immer dieselbe uralte Henne

Kolumnen | aus FALTER 40/09 vom 30.09.2009

Hermes Phettberg führt seit 1991 durch das Kirchenjahr

Eine Million Eier hat die Henne gelegt und nun hab ich sie auch noch aufgegessen! Das gab’s heute zu Mittag: keinen Salat, aber eine riesige Menge Karottengemüse und Reis und eben das Naturschnitzel, wo ich noch vor einer Woche rätselte, ob’s ein Schwein war oder eben Huhn. Und ich bin ganz sicher, dass die Suppe von voriger Woche keine Hühnersuppe war, sondern nur aufgefettet. Heute gab’s einen riesigen Haufen Frittaten dazu. Aus reiner Verzweiflung aß ich alle zsamm!

Auch die Krankenhelfin war wieder eine andere. Als ich am 19. Mai vom Pavillon 7 (Wilhelminenspital) heimkam, hatten die mich bedrängt und versprachen mir das Heiligste. So viele Gesichter von Krankenhelfinnen sah ich seither. Da war zuerst die Frau mit dem Piercing, die mich „anwarb“. Und schon ein paar Tage danach kam eine andere Frau, und ich musste den Vertrag unterschreiben. Ich Volldepp unterschrieb. Und seither kam nie wieder dieselbe Krankenhelfin. So will ich jetzt versterben? Ein Leben lang allein gelebt und nun nicht einmal eine statische Krankenhelfin?

Ich verzweifle. Ich kann keine Zeitung mehr lesen, nur mehr die Überschriften. Das Hirn gibt mir keine Konzentrationskraft. Seit ich auch nicht mehr lesen kann, krieg ich auch fast jeden Tag nur grünen Salat und Karottengemüse. Nie was mit Folsäure. Der wahre Grund, dass ich mich ins Krankenhaus verliebte, waren ja die tollen Gemüsemischungen. Doch seit ich nicht mehr selbst „bestimmen“ kann, was ich gerne äße, machen die auch „kurzen Prozess“ mit mir. Egal ob Krankenhilfe oder Ernährung: Mit kaputten Menschen wird nicht lang herumgetan.

Vor einer Woche dachte ich noch, es war ein Schwein natur. Jetzt aber WEISS ich: Es ist immer dieselbe uralte Henne, die schon eine Million Eier gelegt hat. Und nun muss ich alle Eier aufessen und dann auch noch die komplette Henne. Und ich, der Gute und ewig nur Schlafende, bin voller Gutmut. Zum Dessert schenkte ich mir zwei Zwetschken und eine Feige. So leicht geht es ins Grab hinab.

Am nächsten Tag gab’s wieder besagte Eier, aber mit Nockerl. Ich nehm ja Gott sei Dank Gemüse zu mir, was nur geht, damit ich bei Kräften bleibe. Da werden die Leichenbeschauys staunen, wie gesund ich verstarb.

Die ungekürzte Version des Predigtdienstes ist über www.falter.at zu abonnieren.

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