Fragen Sie Frau Andrea

Macht mich Musizieren marode?

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 40/09 vom 30.09.2009

Liebe Frau Andrea,

neulich erörterten wir die Schrecken der Berufskrankheiten. Mangels Erfahrungen an Hochöfen und in Quecksilberbergwerken fielen uns nur Freizeitmalaisen wie Sofasurfbauch und Postflexmigräne ein. Bis jemand in unserer Runde erwähnte, beim Headbanging seien schon einige Kids an Genickbruch gestorben. Ist Musik gefährlich?

Joe Grill, Ebensee/Margareten, per Elektropost

Lieber Joe,

über die Auswirkungen von Livemusik auf die körperliche und seelische Integrität von Jugendlichen zirkulieren die abenteuerlichsten Geschichten. Wir wollen die physische Komponente diverser Publikums-Turnübungen wie Pogo und Moshing, Stomping und Wrecking, Violent Dancing und Slamdance, Crowdsurfing und Headwalking nicht unterbewerten, aber: Die Hubschrauber steigen eindeutig öfter wegen verunglückter Skifahrer auf. Über die Nebeneffekte des Headbanging kann uns Terry Balsamo, Gitarrist der US-Band Evanescence, berichten. 2005 erlitt er infolge Schädelschüttelns einen Schlaganfall. Mehr Glück hatte Craig Jones von der Maskenmetallband Slipknot – er fasste nur ein Schleudertrauma aus.

Auch jenseits von Schwermetall und Todespunk leben Musiker gefährlich. Blechbläser berichten von Zahnfehlstellungen, ausgeleierten Kiefern und Allergien, Klarinettisten von Daumenzerrungen, Gitarristen und Pianisten vom Karpaltunnelsyndrom und fokaler Dystonie vulgo Musikerkrampf. Andere gefürchtete Krankheiten im Orchestergraben sind Taubheit, Tubalippen, Fagottbläserzeigefinger, Hornistenlähmung, Geigernacken, Gitarristennippel und Harfenistinnenkrampf, das entzündliche Celloknie und die von Alkoholabusus begleitete Orchesterdepression.

Gefürchtet ist bei Jazztrompetern der Riss des Orbicularis oris. Die Ruptur des mundumlaufenden Muskels heißt nach seinem prominentesten Opfer Louis Armstrong „Satchmo-Syndrom“. Vor einer Krankheit, die lange durch die medizinische Fachliteratur geisterte, müssen wir uns nicht mehr fürchten. Der schmerzhaft-entzündliche Cellohoden wurde 1974 von der Alzheimerexpertin Dr. Elaine Murphy und ihrem Ehemann Baron John, Chef einer Brauerei, schlicht und einfach erfunden.


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