Theater Kritik

Fatale Kabale, taumelnde Unschuld

Steiermark | Gregor Schenker | aus FALTER 41/09 vom 07.10.2009

Auf der Hauptbühne des Grazer Schauspielhauses stand nach „Macbeth“ von Shakespeare mit Schillers „Kabale und Liebe“ nun der zweite wirklich klassische Klassiker auf dem Spielplan der heurigen Saison. Als zweite Premiere. Da in dieser Tonart heuer noch einiges folgen wird und auch wieder österreichische Publikumslieblinge das Ensemble bereichern werden, liegt der Schluss nahe, dass hier nicht besonders viel riskiert wird. Eine Haltung, die möglicherweise zur Stadt und ihrem Publikum passt.

Auch Christina Rasts Inszenierung des erst unlängst am Grazer TaO! gelaufenen bürgerlichen Trauerspiels schließt sich dieser Haltung an. Angesichts der Tatsache, dass die Aufführung insgesamt ein sprachlich hohes Niveau halten kann (gewohnt souverän Martina Stilp als Lady Milford) und nie langweilig wird, bietet sie jedoch die Möglichkeit, konzentriert einem brillanten Text der Literaturgeschichte zu lauschen. Ferdinand, der Sohn des Präsidenten, der die bürgerliche Luise Miller (Andrea Wenzl) bedingungslos liebt, ist mit Thomas Frank, der die Figur als tapsig naiven Jugendlichen anlegt, extrem gegen die Rolle besetzt.

Ein Weg, dem die Aufführung, die geschickt zwischen Outrage, handfester Symbolik und Trockenheit changiert, sonst leider nicht folgen will. So darf die charismatische Wenzl die Luise etwa nicht als selbstbewusst erotische, junge Frau deuten, sondern muss wieder einmal als die reine Unschuld über die Bühne taumeln, die das Publikum so liebt und die sie höchstwahrscheinlich schon im Schlaf spielen kann. Herausragend ist Sebastian Reiß’ Interpretation des intriganten Ränkeschmieds Wurm, dem er die pragmatische Note eines Bankers oder Politikers verleiht, der mit Schillers Worten eigentlich sagen will: „Ein guter Tag beginnt mit einem sanierten Budget.“

Schauspielhaus Graz, Fr, Mi 19.30


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