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Politik | aus FALTER 41/09 vom 07.10.2009

Wie alt ist der Totenkult um Jörg Haider, Professor Assmann?

Unsere Kärntner Freunde rüsten anlässlich des einjährigen Todestages von Jörg Haider zur ultimativen Heldenverehrung. Ein Schrein an der Unfallstelle, wo der Landesvater verunglückte, ein Museum im Nazistollen in Klagenfurt. Wallfahrten, Totenmessen, Engelsfigürchen in der Wiese und eine Verschwörungstheorie mit jüdischem Mordkomplott. Der deutsche Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler Jan Assmann von der Universität Heidelberg gibt Auskunft, ob es die Ägypter in Sachen Totenkult mit den Kärntnern aufnehmen konnten.

Wer hat den cooleren Totenkult: die Kärntner oder die Ägypter?

Ich bin zwar beeindruckt von dem, was in Kärnten aufgeboten wird. Dennoch würde ich sagen: die Ägypter. Wäre Jörg Haider Ägypter gewesen, hätte er – spätestens als er Landeshauptmann wurde – begonnen, sich eine prunkvolle Grabstätte zu bauen.

Immerhin pilgern in Kärnten Tausende zu seinen Erinnerungsstätten. Haider genießt fast mariengleiche Verehrung. Konnten da die Ägypter mithalten?

Wir wissen von Graffiti auf antiken Grabstätten, dass auch die Ägypter prominente Tote besuchten. Außer natürlich, die Gräber waren versteckt so wie im Tal der Könige. Wir kennen auch so etwas wie Fanartikel, Keramiken zum Beispiel, die Porträts der Verstorbenen trugen.

Was ist mit den Verschwörungstheorien? Die sind doch etwas Besonderes.

Ich bitte Sie. Die Geschichte ist voller Beispiele, wo nach dem Tod eines Prominenten Mordverdacht erhoben wird. Nehmen Sie Michael Jackson oder Lady Diana.

Was erhoffen sich Menschen, die einen Prominenten am Friedhof besuchen?

Der Mensch bestattet seine Toten, das unterscheidet ihn vom Tier. In allen Kulturen gibt es die Idee, dass die Toten noch irgendwie herumgeistern und dass man mit ihnen in Kontakt treten kann. An dieser archaischen Überzeugung konnte selbst das Christentum nichts ändern.

Interview: M.G.Bernold


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