Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 41/09 vom 07.10.2009

Hört die Signale! Aber wer kann sie schon deuten?

Zu den schönsten neueren Errungenschaften deutscher Zunge gehört die gepflegte Mischung von steirischem und sächsischem Dialekt. Fakt ist: Steirisch klingt ein wenig dumm, Sächsisch auch, aber die Mischung aus beiden klingt durchaus pfiffig und ist im Zuge der verstärkten Arbeitsmigration der letzten zwei Jahrzehnte in Graz immer öfter zu hören, zum Beispiel in Ställen, Arztpraxen, Gastwirtschaften und Autobussen. Das wäre mal eine schöne Aufgabe für eine weitere sinnlose Akademikertätigkeit, deren es nie genug geben kann, denn gerade die Akademikerarbeitslosigkeit ist weiter im Steigen. Dass gute Ausbildung gute Karriere bringt, stimmt leider nicht, es bringt aber einen Prestigevorteil beim Zahnarzt, wenn DDR vor dem Namen steht. Die angesprochenen Exil-Zahnarzthelferinnen fühlen sich dann auch gleich ein Stück heimischer. Wehmütig begingen sie am Samstag den Tag der deutschen Einheit, ohne dass ihre Wahlheimat davon Notiz genommen hätte, stattdessen wurden Sirenen ausprobiert. Der Magistrat sagt, „die Sirenenanlagen können nur dann ihre Funktion wirklich erfüllen, wenn jeder weiß, was die Signale bedeuten“. Es gibt da ja Unterschiede: Eine Minute Dauerton zum Beispiel ist eine Entwarnung. Aber wer kommt schon seiner Bürgerpflicht nach und kann die Signale richtig deuten? Am gewissenhaftesten zeigten sich hier – ja genau: die aus dem Osten. Und: Es ist ein akustisches Volksfest, wenn ein Ostdeutscher mit steirischem Akzent „Dauerton“ sagt!

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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