Doris Knecht

Ist doch ein relativ guter Verwirklichungsschnitt

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 41/09 vom 07.10.2009

An den Käsefladen im Madiani habe ich mir Donnerstagnacht so das Maul verbrannt, dass ich bis heute nur lauwarmes Essen in Breiform zu mir nehmen kann; trotzdem hätte ich gerne das Rezept. Könnte ich bitte das Rezept bekommen? Die Käsefladen sind ein Parade-Winteressen; einfach, weich, warm, saugut, also genau das Richtige, um eine Winterdepression zu kalmieren. Ich meine, falls sich etwas Derartiges wie ein Wintergefühl heuer überhaupt einzustellen beliebt; im Moment sieht es eher wenig danach aus.

Auch der Donnerstagabend war ein für meine derzeitige So-kann-es-unmöglich-weitergehen-Situation überaus typischer. Die Mimis schliefen bei Freunden, und zufälligerweise eröffnete der P. eine Ausstellung mit neuen Fotos in einer Galerie am Karmelitermarkt. Und wen treffe ich da? Den P., eh klar, den W. und den G., mit denen ich vor, ich will auf keinen Fall sagen wie vielen, Jahren zum Soundtrack von Sade lange Abende in der Oskar-Bar in Feldkirch herumstand.

Wir waren 18, 20, 21, wir standen wie Cowboys an der Bar und ließen alle an unseren Zukunftsplänen teilhaben, denn jeder von uns war ein Künstler und würde demnächst ein berühmter, ja wahrscheinlich weltberühmter Künstler sein: Der P. hat schon fotografiert, der W. hat schon Musik gemacht und damit Preise gewonnen, der G. studierte schon Architektur, der R. machte kleine Filme, die schon gezeigt wurden, und ich war hauptsächlich verwirrt und habe heimlich gedichtet.

Und was ist, wie ich die jetzt treffe, aus denen geworden? Der P. ist ein super Fotograf, der W. lebt glücklich von seiner Musik, der G. ist Architekt, der R. konnte zur Vernissage leider nicht kommen, weil er grad seinen neuen Film schneidet, und ich kann immer noch nichts anderes als schreiben. Ich finde, das ist ein relativ guter Lebenstraumverwirklichungsschnitt, speziell für Vorarlberger. Und alle können wir, wie sich im Madiani zeigt, immer noch bis tief in die Nacht hinein deppert sein, vor allem der G., mit dem ich gegen zwei Uhr früh mit meinem verbrannten Maul engagiert über DJ Ötzi stritt, wobei die Worte Trottel, Idiot und ungefickt fielen. Der Lange und ich gingen dann bald nachhause, was aber nichts mehr daran änderte, dass wir vergessen hatten, dass anderntags um neun Uhr früh eine Ö1-Reporterin vor unserer Tür stehen würde, was auch geschah. Das hätte mir eine Lehre sein sollen.

War es aber nicht: Den nächsten Tag verhockte ich bei der Mimi-Abholung von einem Kindergeburtstag bei Leuten, die von steirischen Winzern abstammen. Am Samstag war phil-Geburtstag und der 30er von der H. im Espresso, Sonntag wieder Kindergeburtstag bei Leuten, die nicht von steirischen Winzern abstammen, aber trotzdem gut trinken können. Heute abend bin ich mit Sedlacek verabredet und hoffe inniglich, dass er absagt. Weil so geht das definitiv nicht weiter, definitiv nicht.


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