Kritik

Nachbilder des Traumas

Lexikon | aus FALTER 43/09 vom 21.10.2009

Einen beklemmenden Parcours hat die Polin Agnes Janich mit ihrer Videoinstallation „Man to Man“ geschaffen. Der Besucher tastet sich darin ein dunkles Labyrinth entlang, begleitet von bellenden, zähnefletschenden Hunden in Zwingern und dem Geschrei der Tierpfleger. Unbehagen erzeugt die 1985 in Lodz geborene Künstlerin nicht nur auf der akustischen Ebene. Beim Durchschreiten blickt man den eingesperrten Tieren direkt ins Gesicht.

Der metaphorische Charakter von „Man to Man“ wird aber erst durch zwei weitere Arbeiten deutlich, die als thematische Klammer der Ausstellung fungieren. Auf einem Regal sind Seifenstücke aufgereiht, in die Namen oder Berufsbezeichnungen eingeritzt sind. Der Gedanke an die während der Nazizeit zu Seife verarbeiteten Körperfette ermordeter Juden liegt nahe. Fotografien aus dem Archiv des Konzentrationslagers Auschwitz, die Janich in einem weiteren Galerieraum zeigt, bestätigen diese Assoziation.

In der Zusammenschau aller Arbeiten schlägt die Bedrohung, die anfangs von den Hunden hinter Gittern auszugehen schien, nach und nach in Mitleid um. Denn es sind Gefangene, denen wir hier gegenüberstehen.

Angst, die in Mitgefühl umschlägt und Betroffenheit auslöst – diese Gefühle vermag Agnis Janich im Betrachter auszulösen, ohne Vergangenheitsbewältigung und Aufklärung im moralisierenden Sinne zu betreiben. MJ

Charim Galerie, bis 14.11.


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