Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 43/09 vom 21.10.2009

Eigene Augen

Das Filmmuseum wurde 25 Jahre alt, und sein Direktor Peter Kubelka hatte eben ein „unsichtbares Kino“ nach eigenen Plänen dort installiert. Hans Hurch und Michael Omasta führten mit Kubelka ein Gespräch über das unsichtbare Kino und das moderne Leben. Kubelka: „Es hat nie ein anständiges Kino gegeben in dem Sinn, und jetzt gibt es endlich einmal eines. Wir leben ja in einer Zeit, die sich in einen vollkommen idiotischen Manierismus hineingesteigert hat. Nehmen sie nur als ein Beispiel die Kleidung. Wenn Sie heuer in ein Wiener Schuhgeschäft gehen, finden Sie dort Schuhe, die sind so spitz, dass man damit in ein Brettl Löcher schlagen kann, und die haben dann vorn drauf auch noch ein Stückchen Kupfer genagelt. (…) Sie kriegen jede Art von Groteskschuh, aber nicht ein einziges Modell von einem Normalschuh, das die Fußform ausweist und eine anständige starke Sohle hat. (…)

Eine Schlüsselaussage, die auch ein wenig das Motto für dieses Programm sein könnte, stammt aus einem Film der Marx Brothers, wo Chico und Groucho streiten und Groucho schließlich sagt: ‚Who do you believe? Me or your own eyes?‘ Da lacht jeder, weil man denkt natürlich: ‚I believe my own eyes. I don’t believe what he says.‘ Aber das Gegenteil ist der Fall: Nobody believes his own eyes. Niemand, der heute in unserer Zeit lebt, kann seinen eigenen Augen glauben. Fast in jedem Fall glaubt man, angefangen von dem, was man von seiner Großmutter gelernt hat, bis zum unmittelbaren Zeitgeist, der einem mitgegeben wird, den Meinungen, denen man gerade ausgeliefert ist.

Das führt dann wieder dazu, dass sich einer die spitzen Schuhe kauft, wo vorn ein Kupferplattl draufgenagelt ist. Der glaubt doch nicht seinen eigenen Augen oder schon gar nicht seinen Füßen. Es ist ein absoluter Irrtum zu glauben, dass man vernünftig und unmittelbar das Leben beurteilen und danach handeln kann. Das ist unmöglich. In keiner Epoche dachten die Menschen natürlich.“ aT


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