Phettbergs Predigtdienst

Hilf dir selbst, sonst hilft dir Gott

Kolumnen | aus FALTER 43/09 vom 21.10.2009

Hermes Phettberg führt seit 1991 durch das Kirchenjahr

In der Sitzschaukel im transkatholischen Collagenrausch meditiere ich pro Probe und pro Aufführung – und fass es nicht! Bin hineingeworfen in eine fantastische Kommune und ich, Solipsist, liege in Watte!

Es hält sich aber nichts, Vögeln gleich hebt es sich hoch und fliegt. Und da alle fliegen, fall ich, am Boden hocken bleibend, nicht auf, denn alle twittern davon. So fliegst auch du mit! Der „Gott“, der den maskulinen Namen innehat, wurde noch nie gesichtet. Alle beten „ihn“ an oder reiben sich wund an „ihm“. Jahr um Jahr tragen die Bienen ihre Waben voll und am Zentralfriedhof werden die kaputten Korpusse aufbewahrt. Du fügst dich oder du flögest raus …

Der Heilige Pier Paolo Pasolini utopiert den liebenden Kapitalisten, der Heilige Franz von Assisi utopiert das liebende Tier, der Allerheiligste Jesus von Nazareth lässt sich jeden Tag tausende Male hinrichten. Ein Traum, ein Sehnen, ein Wehen. Alles Schrifttum fügt sich zum Nächsten. Nur Hirse ist stures Getreide und lässt sich nicht backen! Aber die Wissenschaft ist sich sicher, dass Hirse ein Getreide sei: Hirse ist irre wie ich!

Wahrscheinlich wurde „Transkatholische Vögel“ für mich zum lebenslänglichen Meditieren inszeniert. Doch sobald du dir was fertigdenkst, erscheint der nächste Tag und überschmeißt dir wieder alles.

Gini Müller hat als Adler den flehenden Peter Kozek mit seiner Reitgerte, als er ihn das Sprechen unterrichtete, keines Wortes für würdig erachtet. Kozek brüllte sich die Innenseite nach außen. Doch der Adler saß ruhig da. Dann sagte er nur ein Wort: „Ich bete.“ Meditativer hab ich noch kein Wort je live gehört. Alle Päpste der Welt brachten diese Inbrunst für mich nicht heraus!

Der Urschrei jedes Menschen in seiner Riesennot ist in dem Stück „transkatholisch“ bestens abgebildet. Und jeder Mensch, der sexuell befriedigt wurde, legt sich gemütlich (?) ins Grab. Ich träume von einem Sadisten, der mir befiehlt, aber der „Herr“ (Sadist) hört nicht auf, mir weiter und weiter zu befehlen.

Andersrum: Erschiene ein lieber Sadist, hätte ich wieder Blut geleckt. So rum oder so rum – es geht nicht! Unsere Sängin Sabine Marte schrieb den Satz: „Hilf dir selbst, sonst hilft dir Gott.“ Der Satz ist mein Sieger.

Die ungekürzte Version des Predigtdienstes ist über www.falter.at zu abonnieren.

Unter www.phettberg.at ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt


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