Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 44/09 vom 28.10.2009

Liberalissimae

Es begab sich um diese Zeit vor 20 Jahren, dass ein gewisser Klaus Nüchtern regelmäßig als Beiträger dieses Blattes auftauchte. Interessanterweise waren es weniger Themen wie ?die Jazz? oder gar ?das gute Buch?, mit denen er sich hervortat. Nein, er trieb offen und unverschämt politischen Journalismus. Zum Beispiel befragte er für die infrage kommende Ausgabe vier FPÖ-Politiker und Politikerinnen, die man als liberal ansah. Die ?liberalissimi, respektive -mae? wie er es formulierte. Wir waren eben selbst auf Latein durchgegendert.

Es ging darum, dass die FPÖ ihre Funktionäre mit einem internen Papier ihres Obmanns Jörg Haider instruiert hatte, wie sie sich lästigen Fragestellern gegenüber zu verhalten hätten. ?A sagt: Haider verbreitet deutschnationales Gedankengut. ? FPÖ antwortet: Dazu bekennen sich heute u.a. Dr. Alfred Maleta, DDr. Günther Nenning, Altlandeshauptmann Leopold Wagner.?

Erwartungsgemäß bedienten sich die vier Befragten Liberalissimi und -mae dieses Argumentariums. Nüchterns Kommentar: ?Ein ?Ja? zur Schizophrenie in der Politik. Ein ?Ja? aber auch zu einer Naivität, die, genuin oder vorgeschützt, so tut, als wären Worte tatsächlich nur Schall und Rauch.?

In der gleichen Ausgabe interviewt Doris Knecht für die Titelgeschichte den Interessenvertreter der Schriftsteller, den Geschäftsführer der IG Autoren, Gerhard Ruiss. Der Anlass: Ruiss hatte erstmals von der Politik die Zusage erreicht, ein Literaturhaus zu subventionieren. Auch gab er seine Kandidatur für die Grünen bekannt, mit folgender Begründung:

?Ich halte viel von der Idee der direkten Vertretung. Die früheren politischen Erfahrungen waren eben die, dass man am Instanzenzug seinen ursprünglichen Forderungen sehr stark entfremdet wird. Diese allgemeine Form der politischen Zuständigkeit ist für die Kunst und die Kulturpolitik eine Katastrophe. Es herrscht jene Mentalität vor, die der Kunst den Stellenwert von Damenprogrammen auf Kongressen einräumt.? AT


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