Kritik

Fünf Stunden Familie: ein Schauspielerfest

Lexikon | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 45/09 vom 04.11.2009

Der Selbstmord des Vaters führt seine drei Töchter für ein paar Sommertage zurück in ihr Elternhaus nach Oklahoma, wo sie ihrer tablettensüchtigen Mutter sowie verschiedenen liebevoll gepflegten Lebenslügen begegnen. Tracy Letts 2008 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Stück "Eine Familie" (der Originaltitel "August: Osage County" benennt Zeit und Ort der Handlung) liest sich wie der Remix eines Tennessee-Williams-Dramas. Form und Inhalt sind bekannt, nur der Sound der Dialoge wurde zeitgemäß aufgefrischt.

Der lettische Regisseur Alvis Hermanis, der ab sofort jährlich in Wien inszenieren wird, tritt dem für hiesige Verhältnisse ungewohnt konventionellen Text nicht mit der dekonstruktivistischen Axt entgegen, sondern mit demonstrativ offenen Armen. Das vollgeräumte Bühnenbild (Monika Pormale) ist naturalistisch, das Tempo getragen: Hermanis lässt dem Stück viel Zeit, sich zu entfalten. Gleich zu Beginn dauert es fünf Minuten, bis das erste Wort fällt; insgesamt wird der Abend (zwei Pausen inklusive) knapp fünf Stunden dauern.

Dass es dennoch eine recht kurzweilige Aufführung ist, liegt daran, dass das Ensemble den Raum, den ihnen die Inszenierung lässt, ausfüllt. Die monströse Mutter ist eine Traumrolle für Kirsten Dene, und das sieht sie ganz offensichtlich auch so: So gut war sie schon lange nicht mehr zu sehen. Dörte Lyssewski, Sylvie Rohrer und Dorothee Hartinger sind als die drei unglücklichen Töchter des Hauses ebenso überzeugend wie jene drei Herren (Falk Rockstroh, Dietmar König, Martin Reinke), die sie unglücklich gemacht haben oder noch machen werden. Und Sarah Viktoria Frick legt als bekiffte Enkeltochter erneut eine tolle Talentprobe auf die Bühne. Mag sein, dass man dieses Stück nicht unbedingt spielen muss. Aber wenn, dann sollt

Akademietheater, So, Di, Do 19.00


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