Kommentar

Die Stadt verschenkt ein Buch – ist es Segen oder Fluch?

Eventpolitik

Falter & Meinung | Klaus Nüchtern | aus FALTER 46/09 vom 11.11.2009

Einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul, aber einem geschenkten Buch? Und, was heißt geschenkt? Geschenkt gibt’s doch gar nicht! Nun, das Buch, das der Wiener Bürgermeister seit 2002 im Rahmen der Aktion „Eine Stadt. Ein Buch“ seinen Untertanen schenkt, ist gesponsert – und zwar zu 100 Prozent. Wie viel Euro das sind, gibt die mit der Aktion betraute Echo Medienhaus Ges.m.b.H. nicht bekannt. Hauptsponsor ist jedenfalls die Fernwärme Wien, der Größe der Sponsorenlogos nach zu schließen, folgen dann ORF, Erste Bank und Wiener Städtische als nächstpotente und dann noch 23 weitere Geldgeber.

Die Aktion funktioniert wie folgt: Bürgermeister Häupl, Echo-Geschäftsführer Christian Pöttler und Wien live-Herausgeber Helmut Schneider einigen sich auf einen populären, seit Jahren als Taschenbuch auf dem Markt befindlichen Titel, um diesen in einer Auflage von 100.000 Stück und einer hässlicher und billiger gestalteten Ausgabe aufzulegen, die innerhalb von zwei Tagen vergriffen ist. Für die Rechte werden bis zu 10.000 Euro ausgelegt, hinzu kommen die Spesen für den Autor (heuer: Irvin D. Yalom – siehe auch S. 32), der eingeflogen und -quartiert wird, auftritt, liest, signiert und auf vielen Fotos mit dem Wiener Bürgermeister zu sehen ist.

„Eine Stadt. Ein Buch“ ist in Sachen zart anfeudalisierter Eventisierung von Literatur also auf der Höhe der Zeit. Was zu meckern? Siehe oben. Alternativen? In den Niederlanden gibt es seit langem das „Bücherwochengeschenk“: Der Buchhandel gibt (z.B. bei Harry Mulisch) ein mit hohem Prestige verbundenes Werk in Auftrag, das jedem Buchkäufer, der eine Mindestsumme ausgibt, geschenkt wird.


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