Marthaler light: Peter Esterházys Roman „Harmonia Caelestis“ als Musik-Theater im Kasino

Feuilleton | aus FALTER 46/09 vom 11.11.2009

Theaterkritik: Wolfgang Kralicek

Das Kasino am Schwarzenbergplatz ist nicht mehr wiederzuerkennen. Der Raum wird in seiner ganzen Breite bespielt; sogar die Bar wurde eliminiert. Das Projekt „Harmonia Caelestis“ sprengt die Formate: Peter Esterházys Roman (2000), der dem Abend zugrunde liegt, ist immerhin 900 Seiten stark.

In einer pfiffigen Mischung aus Konzept- und Familienroman arbeitet der ungarische Schriftsteller darin die Geschichte seiner berühmten Sippschaft auf; der erste Teil ist eine wild zwischen den Jahrhunderten springende Collage aus Anekdoten; im zweiten widmet sich Esterházy der jüngeren Familienhistorie.

Der Ungar David Marton, 34, ist gelernter Pianist und arbeitet im Grenzbereich zwischen Musik und Theater. In seiner ersten Wiener Inszenierung bewegen sich drei Schauspieler und fünf Sänger/Musiker beiderlei Geschlechts durch eine abgewohnte Riesenwohnung (Bühne: Alissa Kolbusch), voll mit Büchern, Instrumenten und Gerümpel.

30 kleine Szenen, hauptsächlich aus dem ersten Teil des Romans, hat Marton herausgepickt; die lose Form des Buchs findet in einer Aufführung ohne feste Rollen und durchgehende Handlung ihre Entsprechung.

Der zweistündige Abend erinnert nicht nur deshalb an die Arbeiten des Schweizers Christoph Marthaler, weil mit der großartigen Bettina Stucky eine Marthaler-Schauspielerin im Ensemble ist. Sondern auch, weil Marton, der einst als Musiker an Marthaler-Inszenierungen mitwirkte, mit ähnlichen Mitteln arbeitet. Die Schauspieler müssen hier singen und musizieren (Philipp Hauß an der Violine!). Neben Haydn und Schubert hat auch die Kantatensammlung „Harmonia caelestis“ von Pál Esterházy, einem Ahnen des Autors, in den Soundtrack Eingang gefunden.

Noch sind weder Form noch Witz der Inszenierung so unverwechselbar eigenwillig wie bei Marthaler. Trotzdem hat David Marton nicht nur auf einen Roman, sondern auch auf sich selbst neugierig gemacht.

Nächste Vorstellungen: am 16., 17., 19. und 22.11., 19.30 Uhr, im Burgtheater-Kasino


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