Doris Knecht

Aber den Teil mit der Parkbank lasse ich aus

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 46/09 vom 11.11.2009

Nur Stunden, was heißt, Minuten nach Erscheinen der letzten Kolumne* erhielt ich ein freundliches Mail vom freundlichen Herrn Stermann, in dem er mir freundlicherweise Folgendes schriftlich bestätigte: Ich war definitiv nicht gemeint. Mit dieser angeflaschelten Journalistin mit der Zauselfrisur. In diesem seinem Anzengruber-Sauftext. Das beruhigte mich ungemein, und ich ließ es in diversen Internetforen und Livegesprächen nicht unerwähnt, bis selbigen Abends kurz vor Mitternacht bei der Viennale-Abschlussparty, als ich, nachdem ich auch dort mehrere Menschen, die nicht danach gefragt hatten, über Stermanns Quasifreispruch informiert hatte, auf dessen Kumpel Grissemann traf, der irgendetwas sagte, wie: Haha, soso, aber der Stermann hat mir gesagt, dass er beim Schreiben speziell an dich gedacht hat, doch, hat er. Ich sagte: Sagamal, Grissemann, findest du eigentlich, dass ich eine versoffene Funzen bin?, und verließ die Viennale-Party, ohne Grissemanns Antwort abzuwarten, mit einem schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand.

Dann hätte mich Grissemann eigentlich um vier Uhr früh schlafend auf einer Parkbank betreten sollen, aber ich ließ diesen Teil angesichts der frostigen Temperaturen lieber aus, sonst wäre ich jetzt erfroren und könnte diese Kolumne nicht schreiben. Und ich könnte nicht den Deutschen und ein paar Korrektoren dieser Stadt erklären, dass es sich, wie mir das Österreichische Wörterbuch schriftlich und hoffentlich stabil unwiderlegt bestätigt, beim Ausdruck „betreten“ um altes Wiener Amtsdeutsch handelt: das ich mir letztes Mal herauskorrigieren habe lassen, weil das, falls es überhaupt existiere, kein Schwein verstehe, wie mir wiederholt versichert worden war. Aber auf Versicherungen gebe ich sowieso nichts mehr. Man hat ja gesehen, wie viel sie wert sind.

Vielleicht lässt sich die ganze peinliche Angelegenheit aber doppelt profitabel verwerten, als ich ja erstens in der göttlichen Position bin, jede mir widerfahrende Demütigung unmittelbar in bares Gerstl verwandeln zu können. Zweitens kann sie als Beweis dafür herhalten, wie ungemein rockbitchig ich im Grunde meines Herzens eben bin, also voll im Trend, wenn man sich die ganzen angejahrten Damen mit Erster-Bezirk-Strähnchen-Frisuren und hoaten Preis-auf-Anfrage-Motorradjacken so anschaut, die gerade überall auf cool aus der Zeitung äugen; Oida. Oder auf den Covern eigener Magazine ihre bislang mühsam unterdrückte uroage Rockerbrauthaftigkeit mithilfe eines Visagisten, einer Stylistin, einer Chanel-Bikerjacke und einem professionell gestylten 300-Euro-Zauselkopf auch endlich einmal herzeigen dürfen. Eh nur diese Saison, fürs Frühjahr hat Stella McCartney Blümchen und Rüschen verordnet. Dann verräumen die Bankergattinnen ihre Lederjacken im Schrank und föhnen wieder; nur ich, ich bin immer noch zerzaust.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige