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Lesbisches Wien: „verliebt, verzopft, verwegen“

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 47/09 vom 18.11.2009

In der Schlösselgasse gab es ein kleines Kaffeehaus, da saßen Männer und Frauen getrennt“, berichtet Birgit Meinhard-Schiebel: die schwulen Männer auf der einen Seite, die lesbischen Frauen auf der anderen. „Wenn ein Polizist auf Streife hereinkam, saßen plötzlich ein Mann, eine Frau, ein Mann, eine Frau nebeneinander, und es war ein ganz normales Lokal.“ Waren sie nach diversen Einladungen betrunken genug, konnte man die Polizisten schon einmal mit den männlichen Kunden des Lokals tanzen sehen.

Meinhard-Schiebel ist eine der drei eloquenten Zeitzeuginnen, entlang deren Erinnerungen die Doku „verliebt, verzopft, verwegen“ (Regie und Buch: Katharina Lampert, Cordula Thym) eine Geschichte lesbischer Lebensmodelle und Netzwerke im Wien der 50er- und 60er-Jahre rekonstruiert: Furchtbar „verzopft“ war Wien damals, und als Alternative zum „Sub“, der Halbwelt der Stadt, blieb oft nur der Rückzug ins Private überschaubarer Bekanntengruppen. Sofern frau überhaupt schon einen Begriff für ihr Begehren hatte.

Während die Fotos und pointierten, häufig selbstironisch reflektierten Erzählungen der drei Protagonistinnen ein aufschlussreiches Streiflicht auf lesbisches Leben in Wien weit über die 60er hinaus werfen, machen Lampert und Thym aus den notwendigen Leerstellen ihres Films kein Geheimnis: In kurzen Zwischensegmenten deuten sie stellvertretend einige jener Geschichten an, die im Film nicht (ausführlich) behandelt werden – auch wegen anhaltender Angst der Protagonistinnen vor einem öffentlichen Coming-out. Das ist schade, aber nachvollziehbar in einem Land, dessen politische Vertretung sich bis heute im Standesamt einbunkert.

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