Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 47/09 vom 18.11.2009

Untergangszeit

Historisch bewegte Zeiten, vor 20 Jahren, im Großen und im Kleinen. Am 27. November 1989 setzte es in der Tschechoslowakei einen Generalstreik, die Tage des Regimes waren gezählt. Gerda Brandl berichtete aus Prag von der verzweifelten Suche der Kommunistischen Partei nach unbelasteten Funktionären.

Auf der österreichischen Mikroebene jammerte die Szene über die Einstellung der Sendung „Musicbox“ auf Ö3, das war jener Sendeplatz, auf dem in Österreich die Revolution von 1968 stattfand, mit Moderatoren von Wolfgang Schüssel bis André Heller. Nun war sie weg, die Box, und ein gewisser Walter Gröbchen, damals bereits ausgeschildert als „langjähriger Hörfunk-Mitarbeiter“, plädierte für einen neuen Sender, für ein Ö4. Denn: „Für den Hörer bedeutet Ö4 mehr Auswahl, präziseres Service, lebendigere, zielgruppengerechte Programme. Für Ö3 bedeutet es schlicht: ein Überleben in Würde.“

Mit ähnlichen Worten shmoovt sich heute FM4 an Ö1 an, während Gröbchen alles fleißig betweetet – aber sehnen wir uns nicht alle danach, nach einem „Überleben in Würde“?

Auch anderwärts waren Niedergänge zu beklagen. Aus London berichtet Willi Trimmel vom Zusammenbruch des Thatcherismus; während im Westen der Endsieg des Kapitalismus gefeiert werde, drohe Englands Wirtschaft der Dolchstoß durch die eigene Regierung. Margaret Thatchers Politik brachte Geld an die Londoner Börse, vernichtete gleichzeitig aber die eigenen industriellen, sozialen und familiären Strukturen. Der Thatcherismus steht vor einem ähnlichen Problem wie der reale Sozialismus.

Zwei Interviews schmückten das Blatt. Im einen gab Valie Export Hanna Krause Auskunft über Frauen, Krieg und Kunst, im anderen sprach der Historiker und Psychoanalytiker Peter Gay, in Berlin geboren, 1939 emigriert, mit Franz X. Eder über das Objekt seiner Studie „Freud. Eine Biografie für unsere Zeit“. AT


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