Meinesgleichen

Ad vocem Humboldt

Falter & Meinung | aus FALTER 47/09 vom 18.11.2009

Wer in den letzten Tagen bildungsbeflissen den Fernseher aufdrehte, konnte es nicht überhören. Die Studentinnen und Studenten deklinieren, sauber durchgegendert, ihre Forderungen. Und dann rufen sie schlicht und einfach: Humboldt.

Sie meinen nicht jenes Bildungsinstitut, das für Fortbildung in Fernkursen wirbt, in charmanten TV-Werbespots, an deren Ende der ehemalige Wirtschaftskammerpräsident auftritt und mit Nikolausstimme zu ehebaldiger Eintragung mahnt. Sie meinen nicht den verrückten, monströs-genialen Dichter Von Humboldt Fleisher, der jenem Roman den Namen gab, nach dessen Erscheinen Saul Bellow 1976 den Literaturnobelpreis bekam.

Sie meinen auch nicht Alexander von Humboldt, den in den letzten Jahren wieder stark publizierten Erdumsegler und Forscher. Nein, sie meinen Wilhelm von Humboldt, den Klassizisten, den Aushecker eines Bildungsideals unter dem Einfluss der deutschen Klassik, von Schillergöthe.

Als Theodor W. Adorno, der linke Philosoph, 1967 über Goethes Iphigenie referieren wollte, brüllte ihm die Kommune 1 in Sprechchören entgegen: „Berlins linke Faschisten grüßen Teddy, den Klassizisten.“

Linksfaschismus, was war das? Heute wollen sie bessere Studienbedingungen. Sie rufen nicht mehr: „Wir sind die Jünger Maos und lieben das Chaos.“ Sie sind pragmatisch, neubürgerlich und klassizistisch. Wie Humboldt. Wilhelm von Humboldt. Ob sie je etwas von ihm gelesen haben?


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