Enthusiasmuskolumne

Diesmal: der schönste Familienfilm der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 47/09 vom 18.11.2009

Boya stammt nicht von Andromeda

Seit einiger Zeit hat ein Phänomen Konjunktur, das sich „dysfunktionale Familie“ nennt. Was genau das ist, weiß keiner. Dass etwa Homer Simpson nicht der beste Vater und Ehemann der Welt ist, wird niemand bestreiten, aber als Familie sind die Simpsons eigentlich eine ziemlich starke Truppe: Man würde zögern, gleich nach der Fürsorge zu rufen.

Bei der Familie aus Nagisa Oshimas Film „Shonen“ ist man sich da nicht so sicher: Die hält sich unter dem Regime des vom Krieg gezeichneten und wohl nicht nur körperlich versehrten Vaters damit über Wasser, dass wahlweise der Titelheld – der englische Titel lautet „Boy“, und tatsächlich wird der Bub im japanischen Original „boya“ gerufen – oder dessen Stiefmutter vor fahrende Autos laufen und sich ihr Stillschweigen von den verstörten Lenkern gegen Bargeld abgelten lassen.

Kinder gehen immer – im Kino genauso wie in der Kronen Zeitung. Man läuft freilich Gefahr, in den seichten Gewässern der Rührseligkeit auf Grund zu laufen. „Shonen“ folgt seinem Protagonisten buchstäblich in Distanz und schlägt gerade daraus Funken einer paradoxen Zärtlichkeit. Wie nur wenige jugendliche Gestalten der Filmgeschichte (etwa Bressons „Mouchette“ Nadine Nortier) berührt Tetsuo Abe durch seine gelegentlich aufbrechende Unnahbarkeit – etwa in der zögerlichen und spröden Komplizenschaft mit seiner Stiefmutter.

Grandios die Szene, in der der Bub den Schnee-Alien vom Planeten Andromeda in Gegenwart seines kleinen Bruders (den man freilich ansatzlos adoptieren möchte) zerstört und verzweifelt bekennt, kein Alien, sondern ein ganz normales Kind zu sein.

Souverän, wie Oshima seinen visuell ebenso erratischen wie berauschenden Film nicht auf Pointe enden, sondern in anti-apotheotischem Stottern auslaufen lässt und noch ein halbes Dutzend weiterer Schlussszenen hinterherschickt. Aber sehen Sie selbst! Am 25.11., 20.45 Uhr, im Österreichischen Filmmuseum.


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