„Häufig antisemitische Verschwörungsmythen“

Stadtleben | aus FALTER 47/09 vom 18.11.2009

Reinhold Gärtner, 54, ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck. Neben zahlreichen Publikationen zu den Themen Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus hat er kürzlich ein Buch mit dem Titel „Politik der Feindbilder“ veröffentlicht. Darin setzt er sich mit FPÖ-Slogans und Alltagsrassismus auseinander.

Falter: Herr Gärtner, welche Verschwörungstheorien gibt es in Österreich?

Reinhold Gärtner: Man findet im Grunde das ganze Spektrum, das es auch anderswo gibt. Abgesehen davon würde ich aber sagen, dass antisemitische Verschwörungsmythen in Österreich häufiger vorkommen als in vielen anderen Ländern.

Und wie genau sehen diese Mythen aus?

Gärtner: Es kann sich etwa um die „Protokolle der Weisen von Zion“ drehen. Oder um vermeintliche Machenschaften des israelischen Geheimdienstes Mossad. Im Internet gibt es verschiedene Konjunkturen für diese Abstrusitäten.

Aber warum sind solche Muster gerade in Österreich so deutlich ausgeprägt?

Gärtner: Österreich hat eine lange Geschichte und Tradition des Antisemitismus. Über Jahrhunderte wurde der Boden für jene Mythen bereitet, die heute durchs Internet spuken. Zwar existieren und existierten sie auch in anderen Ländern, denken Sie nur an die Affäre Dreyfus im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Aber hier treten sie häufiger auf. Wenn man auf österreichischen Internetseiten nach Verschwörungstheorien sucht, dann stößt man beispielsweise viel häufiger auf den Mossad als auf KGB oder CIA. Warum? Das hat sicherlich auch mentalitätsgeschichtliche Gründe.


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