Neu im Kino

Trau dich trauern! „The Messenger“

Lexikon | Drehli Robnik | aus FALTER 48/09 vom 25.11.2009

Es beginnt mit einem Close-up von Wasser in den Augen: Das führt zum Verlust von Sichtbarkeit, zum Verschwimmen der Formen, im Vorspann wie auch im ganzen Film. In „The Messenger“, dem Regiedebüt von Oren Moverman (Drehbuch zu „I’m Not There“), raufen zwei US-Soldaten, ein rekonvaleszenter Irakkriegsveteran und ein Macho-Offizier, sich für eine home front-Mission zusammen. Die besteht im protokollarisch geregelten Benachrichtigen der nächsten Hinterbliebenen im Irak gefallener Soldaten.

Unerwartetes Schieflaufen ist der Normalfall dieser Prozedur an der Haustür und an der Grenze vom Alltag zum Kollaps: Da entstehen eigentümlicher Suspense, viel Rührung, aber auch Momente von Männlichkeitssatire und überraschende Konstellationen im ethnischen und Klassengefüge. Ben Foster und Woody Harrelson spielen die von so viel Kummer arg geforderten Boten super, ganz aus einer auf Härte gedrillten Körperlichkeit heraus.

Die Erzählung lässt wenig Zweifel daran, dass es wichtig ist „zuzulassen“, nämlich Tränen, Sich-Öffnen, Abgehen vom Protokoll, auch ostentativ zarte Bande zwischen dem jungen Boten und einer Adressatin, die nun Witwe ist. Liebe keimt, wo sonst Betthasensex Routine ist. Formen verschwimmen. Immerhin macht der Film das Roboterhafte der Beileidsrituale nicht runter (wär ja leicht).

Letztlich beobachtet hier eine Trauerkultur eine andere; die eine, Hollywood, ist Expertin im endlosen Durchspielen von Leid; die andere, die Armee, im effizienten „Abschließen“ und Traditionbilden. Verlust wird ausagiert – eben auch Verlust von Sichtbarkeit, nämlich dessen, was an dem so schmerzlichen Irakkrieg (Geo-)Politik ist. Schon klar: Darum geht’s in diesem Film nicht (sondern eh sonst immer?); hier wird virtuos getrauert. Die Träne ist Programm, das Fühlen Protokoll.

Ab Fr im Gartenbau Kino (OF)


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