Meinesgleichen

Ein zorniger Gott muss her, oder?

Falter & Meinung | aus FALTER 48/09 vom 25.11.2009

Wer über österreichische Politik nachdenkt, stößt gleich auf das Dilemma zwischen Unzufriedenheit mit vermeintlich schwachen Führern und dem latenten Ruf nach dem starken Mann. Und er tendiert dazu, über das Verschwinden der Politik zu salbadern. Nun gibt es zu diesem Thema längst Literatur, zum Beispiel ein Buch des deutschen Politologen Wolfgang Fach. Er unterscheidet darin zwischen „POLITIK (groß geschrieben, weil quasi göttlich), verstanden als transzendentale Sorge fürs Ganze“ und „andererseits gemeiner Politik, wie sie von Machiavellisten betrieben wird, deren Denken in moralfreiem Schachern und perspektivlosem Schieben versumpft – wenn nicht gar Leichen ihren Weg pflastern“.

Doch die verdrossenen Demokraten gehen noch wählen, und wenn die POLITIK verschwindet, bleibt uns die Politik noch lange erhalten. „Der Blitz z.B. galt immer als, zackiger‘ Durchgriff des zornigen Gottes, nicht selten pervertiert, dem das Treiben seiner Untertanen einfach zu bunt geworden war. Bis dann Benjamin Franklins Blitzableiter die Chance bot, den Allmächtigen auszutricksen. Was diesem mit der Allmacht auch ein Stück Aura gekostet und dazu beigetragen hat, dass ER am Ende aus dem Weltenlauf weitgehend hinausgedrängt wurde. Aber: Ist nicht das offenbar unausrottbare Ideal der entschlossenen Tat des starken Mannes, die irgendeinen Störenfried (Schwätzer, Bremser, Nörgler) endlich und gründlich zur Räson bringt, das direkte Erbe jener Blitzschlag-Phantasie?“

Quelle:

Wolfgang Fach: Das Verschwinden der Politik. edition suhrkamp 2530, Seite 236


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