Doris Knecht

Was sind denn das bitte für Leute?

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 48/09 vom 25.11.2009

Das passiert, wenn man sich nicht an die eigenen Regeln hält. Aktuell diese: nie die Kinder mit ins Restaurant nehmen. Was auch hier wiederholt in missionarischer Absicht postuliert wurde. Am Samstag verstießen der Lange und ich dagegen und gingen mit ihnen – aus!nahms!wei!se! Und nur, weil ihr euch immer beschwert, dass wir euch abends nie mitnehmen! – zum ersten Mal seit zwei Jahren oder so abends ins Restaurant.

Der Tisch war auf sieben reserviert. Um zehn nach sieben bettete eins der Mimis – das eine, das man sonst nur unter Einsatz schwerster, mit der Menschenrechtskonvention nicht konformer Drohungen gegen halb neun oder neun ins Bett bekommt – sein schweres Haupt auf selbigen und flüsterte matt, es sei entsetzlich müde und würde gern nach Hause und zu Bett gebracht werden. Hallo?! Geht’s noch? Um viertel nach sieben fragte das andere, ob wir sie eigentlich in böser Absicht mit in ein Restaurant nahmerten, in dem es für ein Kind absolut nichts zu essen gibt? Um zwanzig nach sieben hatten wir uns mühsam auf Nudeln mit Tomaten und auf Ravioli mit nichts geeinigt. Um fünf vor halb acht fragten sie, ob es für uns okay wäre, wenn sie sich die Schuhe auszögen und sich zum Schlafen auf die Bank legten. Nein! Ist es nicht! Um eins nach halb acht zwang ich ihnen die Nintendos auf, die ich eigentlich nur als allerletztes Notprogramm eingepackt hatte, und dann saßen sie uns mit abgewandtem Blick gegenüber und ließen ihre Daumen sprechen.

Dafür warfen uns Leute am Nebentisch genau die Blicke zu, die wir Leuten wie uns früher vom Nebentisch aus zugeworfen haben: Was sind denn das für welche, die ihre armen Kinder abends mit in ein Restaurant zwingen und sie dann deppert Nintendo spielen lassen? Nie was von Babysittern gehört?

Zweiter Fehler: dazu auch noch technisch anspruchsvolles Essen bestellen, mit dem man dann nicht weiß, wie umgehen. Ist das die Art Artischocke, die man Blatt für Blatt auszuzelt, oder isst man die mit Messer und Gabel? Dieser Stiel: Ist der Deko oder essbar, und blamiere ich mich mehr, wenn ich ihn esse oder wenn ich ihn nicht esse? Ich aß ihn nicht und blamierte mich mehr, denn der war natürlich, wie ich beim Abservieren lernte, das Beste an der Sache. Selbstverständlich aßen die Leute am Nebentisch ihre Artischocke mit bravouröser Eleganz und in der richtigen Reihenfolge und es rutschte ihnen auch nicht das Besteck zweimal in die Buttersoße. Ja, danke. Noch ein Fass Wein, bitte. Und der Wildschweinbraten war fantastisch, aber ich kann nicht mehr. Die Mimis hatten derweil ihre Jacken angezogen und warfen uns von unter den Kapuzen stabil vorwurfsvolle Blicke zu.

Um neun waren wir draußen. Und sollte ich es wieder vergessen, erinnert mich bitte daran, dass wir die Kinder erst wieder mit ins Restaurant nehmen, wenn sie uns einladen. Und das wird teuer, ich schwöre bei Gott.


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