Meinesgleichen

Was man sich zuhause alles einbildet

Falter & Meinung | aus FALTER 49/09 vom 02.12.2009

Die Öffentlichkeit der Ständeversammlungen ist ein großes, die Bürger vorzüglich bildendes Schauspiel, und das Volk lernt daraus am meisten das Wahrhafte seiner Interessen kennen. Es herrscht in der Regel die Vorstellung, dass alle schon wissen, was dem Staate gut sei, und dass es in der Ständeversammlung zur Sprache komme, aber in der Tat findet gerade das Gegenteil statt: erst hier entwickeln sich Tugenden, Talente, Geschicklichkeiten, die zu Mustern zu dienen haben. Freilich sind solche Versammlungen beschwerlich für die Minister, die selbst mit Witz und Beredsamkeit angetan sein müssen, um den Angriffen zu begegnen, die hier gegen sie gerichtet werden; aber dennoch ist die Öffentlichkeit das größte Bildungsmittel für die Staatsinteressen überhaupt. In einem Volke, wo diese stattfindet, zeigt sich eine ganz andere Lebendigkeit in bezug auf den Staat als da, wo die Ständeversammlung fehlt oder nicht öffentlich ist. Erst durch diese Bekanntwerdung eines jeden ihrer Schritte hängen die Kammern mit dem Weiteren der öffentlichen Meinung zusammen, und es zeigt sich, dass es ein anderes ist, was sich jemand zuhause bei seiner Frau oder seinen Freunden einbildet, und wieder ein anderes, was in einer großen Versammlung geschieht, wo eine Gescheitheit die andere auffrisst.“

Das schrieb 1821 der Philosoph G.W.F. Hegel. Er konnte unser Problem noch nicht ahnen, dass sich das Private und das Öffentliche so miteinander verzahnen, dass eine Dummheit eine andere auffrisst.

Quelle:

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Grundlinien zu einer Philosophie des Rechts, § 315 (Zusatz)


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