Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Das beste Möbelhaus der Welt der Woche

Feuilleton | Tex Rubinowitz | aus FALTER 49/09 vom 02.12.2009

Die Typen meinen, was sie bauen

Es ist so einfach, sich über Ikea lustig zu machen. Überall feixen jetzt die Kolumnisten und Glossenclowns über das jüngst 30 gewordene Billigregal Billy und wie sie beim Zusammensetzen desselben kapituliert hätten. Und während andere Möbelhäuser ihren billigen Krempel auf zähneziehend schmerzhafte Art und Weise im Fernsehen anpreisen (die sinistre Familie Putz, das grausame rote Kika-Sofa, der zänkische Möbelix-Mann), machte dieser Tage in Wien das wirklich etwas andere Möbelhaus auf: in der Galerie Meyer Kainer in der Eschenbachgasse, um genau zu sein.

Das fröhliche Ingenieurs- und Künstlerkollektiv Gelitin, dem nichts heilig ist, das keine Tabus kennt, das keine Gefangenen macht, dem aber immer etwas an Statik gelegen ist, hat die gesamte Galerie mit alten Möbeln und Möbelteilen zugebaut, daraus ein organisches Supermöbel gebaut, das sich – halb Ding, halb Tier – zu einer gewaltigen Rampe dehnt, mit der man die Raumtiefe auf wundersame Weise verdoppelt hat. Es ist eine prekäre Skulptur, deren Versatzstücke Geschichten erzählen – von der Einsamkeit, vom Sterben, vom Unheimlichen (ein Rampenbein sieht aus wie der Wald in Lars von Triers „Antichrist“), von Risiko und Mut; eine Skulptur, die zugleich verspielt und von unbedingtem Ernst ist: Die Typen meinen, was sie bauen.

Bei Ausstellungen von Gelitin kann man immer staunen, sich verlieren und gerät unwillkürlich ins Schwärmen: Man wird zum Kind und freut sich über die vielen Ideen der Künstlergruppe, die so etwas wie die Antithese zum mediokren Erwin Wurm darstellen, der sich selbstgefällig und völlig uninspiriert ein eigenes Kunstzwischenreich eingerichtet hat. Gelitin erfinden lieber Geschichten, Märchen, die im dunklen Wald spielen, sie sind die bösen Holzwürmer, die fleißigen Ameisen und die lieben Spechte gleichzeitig, David Lynch und Michel Gondry würden sich bei ihnen wohlfühlen, und der böse Wolf hätte eher das Rotkäppchen zu fürchten.


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