Doris Knecht

Gestern wirkte der Schweizer noch so nett

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 49/09 vom 02.12.2009

Der Schweizer, bitte. Zwei Gesichter. Eben noch sitzt der Schweizer am Tisch vom Fischtürken, trinkt Rotwein, ist vergnügt, witzig (ja, doch!), smart und aufgeschlossen, zahlt die gesamte Zeche und sieht exakt so aus wie Haemmerli in einem Designeranzug. Und nur ein paar Stunden später schreitet der Schweizer zur Urne und verbietet fortan den Bau von Minaretten in seinem Land. Ich meine, geht’s noch? Der Schweizer, bitte? Wo will der hin? Zu Haemmerlis Ehrenrettung ist zu sagen, dass er während des gesamten Urnenganges in einem Flugzeug saß, welches ihn von Wien in eine asiatische Metropole transportierte: Haemmerli hatte also mit dem Abstimmungsergebnis insofern nichts zu tun, als er zuverlässig nicht für das Minarett-Bauverbot gestimmt hat. Leider konnte er so auch nicht dagegen stimmen, was aber auch nichts mehr geholfen hätte.

Haemmerli war ja die letzten Jahre Filmemacher – also er hat einen Film gemacht, den über seine Messie-Mutter –, jetzt ist Haemmerli Künstler. Künstler wurde Haemmerli im Wesentlichen durch Behauptung. Er hat sich einfach, zum Beispiel bei der Art Basel, hingestellt und gesagt: I am an artist, bis die Leute anfingen, ihm das zu glauben und ihn in asiatische Metropolen einzuladen, wo Haemmerli jetzt Vorträge hält und seine Werke zeigt. Ich bin ja bislang nur mit zwei Haemmerli’schen Werkreihen vertraut, einerseits die Stiefelbilder, für die Haemmerli das Innere vieler Stiefel fotografiert, andererseits die Ohrenbeißerserie, in der ich, glaube ich, auch vertreten bin. Weil darin alle vertreten sind, die mit Haemmerli einmal länger als fünf Minuten verbrachten und während diesen von Haemmerli unvermittelt von hinten gepackt, ins Ohr gebissen und dabei fotografiert wurden.

Immerhin weiß ich, dass Haemmerli ein für die Kunst gerne herangezogenes Kriterium erfüllt hat, er hat nämlich für seine Kunst gelitten. Und zwar körperlich, denn als er im Sommer während eines Geburtstagsfestes die Krautgartner von hinten packte und ins Ohr biss, haute die ihm auf der Stelle eine herunter und brüllte, dass Haemmerli eine totale Sau sei. Die Krautgartner hat mir erzählt, es war im Schock, sie konnte praktisch überhaupt nichts dafür, und Haemmerli hat ihr die Watsche auch gleich verziehen (vor allem weil, wie Haemmerli sagt, das Foto super geworden ist) und die Krautgartner ihm den Übergriff, denn es diente ja der Kunst, und sie vertragen sich längst wieder.

Wie wir beim Fischtürken saßen, hat Haemmerli ungefähr nach der dritten Flasche Rotwein darüber zu sinnieren angefangen, dass es doch vielleicht schön wäre, einmal eine Zeitlang in Wien zu leben, wahrscheinlich besser als in Berlin. Das begrüßten wir sehr. Die Frage ist jetzt, ob die Schweizer Minarett-Entscheidung Haemmerli nach der asiatischen Metropole eher nach Wien treibt, oder ob Haemmerli, wenn er mit der Kunst fertig ist, vielleicht die Schweiz retten will. Möglich wär’s.


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