Kritik

Was Körper in Bewegung erzählen können

Lexikon | Manisha Jothady | aus FALTER 49/09 vom 02.12.2009

Wo ist die nächste Performance?“, fragt Anja Manfredi forsch, ja fast schon aggressiv, in einem Video. Auf die Forderung des Publikums nach permanenter Unterhaltung antwortet sie jedoch nicht mit aktionsgebundener Kunst, die die Schaulust bedient, sondern mit Bildtafeln, die den Betrachter in assoziationsreiche Gefüge von visuellen Informationen über den Körper, seine Bewegungen und Gesten einbinden.

Derlei stand schon in früheren Arbeiten der Künstlerin im Mittelpunkt. Dabei interessierte sie sich stets für Aspekte wie Normierung und Disziplinierung, die den Körper als kulturell und historisch bedingtes Konstrukt sozialer Machtstrukturen definieren. Für ihre Arbeiten durchforstet Manfredi kulturhistorische Bücher zu Themen wie Tanz, Kunst, Architektur und Hygiene. Die darin vorgefundenen Bewegungen und Posen lässt sie oft von Kollegen nachstellen oder verquickt sie mit anderen recherchierten Materialien. Proportionsstudien des römischen Architekten Vitruv werden da mit Skizzen und Fotografien zu Strawinskys Ballett „Petruschka“ kurzgeschlossen. Grafiken, in denen das Korsettschnüren demonstriert wird, stehen Bildern von Tanzikonen gegenüber. Auch Dokumentationsfotos aus dem 19. Jahrhundert zum Thema Hysterie adaptiert Manfredi für ihre Zwecke. Die mit dem Phänomen verbundenen krampfartigen Körperverrenkungen lässt sie jedoch Klischees umgehend von einem Mann nachstellen.

Gar nicht genug kriegen kann man in dieser Ausstellung vom vergleichenden Schauen, dem Suchen nach Übereinstimmungen, aber auch Gegensätzen. Für das Recherchieren, Archivieren und Ordnen als künstlerische Tätigkeiten hat Anja Manfredi jedenfalls eine großartige visuelle Formel gefunden.

Momentum, bis 9.1.


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