Kritik

Weniger idyllisch, als man denkt

Lexikon | aus FALTER 50/09 vom 09.12.2009

Während das Wien Museum im benachbarten Künstlerhaus den alltagskulturellen, politischen und künstlerischen „Kampf um die Stadt“ der 1930er-Jahre toben lässt, richtet es in den eigenen vier Wänden einer nicht weniger turbulenten Ära der österreichischen Geschichte eine Sonderschau aus: dem Vormärz (1815–48), der keineswegs so friedlich war, wie es viele Gemälde aus dieser Zeit vermitteln wollen. Die facettenreiche Ausstellung „Malerei des Biedermeier“ verdeutlicht das nun einmal mehr.

Die Zensurpolitik Metternichs resultierte im Rückzug der Menschen in die schützende Stille bürgerlicher Häuslichkeit. Zynisch ins Bild setzte dies etwa Josef Danhauser in seinem Gemälde „Die Hundekomödie“ (1841), das für damalige Zeitgenossen eindeutig erkennbare Anspielungen auf Zensurbeamte enthielt.

Generell konzentriert sich die Schau jedoch auf die gängigen Bildthemen der Epoche. Künstler erneuerten die Landschaftsmalerei, indem sie Naturansichten nicht länger idealtypisch aus Versatzstücken zusammensetzten, sondern nach der Natur selbst malten. Dieses verstärkte Streben nach Authentizität schlägt sich auch in der Genremalerei nieder. Dem bäuerlichen und Kleinbürgerlichen Alltag gilt das verstärkte Interesse, während die repräsentative Porträtmalerei noch länger idealisierende Züge aufweist. Neben Salonszenen rücken sozial prekäre Verhältnisse zunehmend ins Bild. Daneben erfahren Stadtveduten und Stillleben eine Blütezeit.

Kulturhistorisch als besonders interessant erweist sich hier die Gattung des Zimmerbildes. Bis ins kleinste Detail halten diese Aquarelle die Wohnkultur des Biedermeier fest, die progressiver war, als man heute oft vermutet. MJ

Wien Museum Karlsplatz, bis 17.1.


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