Neu im Kino

Ein deutsches Melodram: „Mitte Ende August“

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 50/09 vom 09.12.2009

Vielleicht ist irgendwann der Zeitpunkt gekommen, an dem wir nicht mehr blindlings überall hinlaufen müssen, um zu gucken, wie es dort ist.“ Also ist es doch nicht überall besser, wo wir gerade nicht sind. Dafür hat man mit 35, wenn schon keine Kinder, zumindest ein einsames, altes Haus in Brandenburg und stehende Weisheiten parat. Was wiederum der Erkenntnis geschuldet ist, dass in einem fortgeschrittenen Lebensabschnitt, den man „Mitte Ende August“ nennen könnte, in Wahrheit gewisse Probleme mit der Wahl des richtigen Weins gelöst werden.

Jedenfalls haben die verliebt spielenden Hanna (Marie Bäumer) und Thomas (Milan Peschel) sich nun Gedanken über tragende Wände und die Sicht verstellende Zwillingstannen zu machen. Aber nicht nur weil sich Sebastian Schipper an Goethes „Wahlverwandtschaften“ orientiert, ist dieser Film eine durch und durch deutsche Produktion. Ein wenig an Maren Ades „Alle anderen“ erinnernd, ein wenig Berliner Sehnsuchts-Schule, und hier natürlich der radikale Rückzug ins Private, in dem nicht einmal mehr Thomas’ Bruder Friedrich (André Hennicke) und Hannas Patenkind Augustine (Anna Brüggemann) Platz haben. Der von seiner Frau verlassene Architekt und die Studentin mit dem blonden Flechtzopf sind nicht Ursache, sondern Katalysator für das, was kommt.

Das Schöne an diesem Film sind seine Leerstellen, die Vic Chesnutt nicht ausfüllt, sondern musikalisch weiterträgt. Oder wenn, wie bereits in den ersten Minuten, überhaupt nicht gesprochen wird. Warum auch? An Goethe denkt man dann irgendwann auch nicht mehr, eher an Herbsttage und an nicht gebaute Häuser bei Rilke: Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.

Ab Fr in den Kinos


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