Meinesgleichen

Zynismus, rhetorisch betrachtet

Falter & Meinung | aus FALTER 50/09 vom 09.12.2009

Dieser Tage erschein der letzte Band des neunbändigen „Historischen Wörterbuchs der Rhetorik“, eines vom Germanisten Gerd Ueding herausgegebenen Werks (ein Ergänzungsband folgt). Passenderweise lautet das letzte Stichwort des letzten Bandes „Zynismus“. Darin ist unter anderem zu lesen: „Anders als in den meisten anderen Sprachen unterscheidet man im Deutschen spätestens seit dem 20. Jahrhundert zwischen Kynismus als Name für die erwähnte antike Glückslehre und Zynismus als meist polemisch verwendetem Begriff für eine offensiv normenkritische Haltung, die den Wert der anerkannten humanistischen Werte in Zweifel zieht und sie dem Spott preisgibt. Insofern wird der Zynismus meist einem (verbal) aggressiven moralischen Nihilismus gleichgesetzt. Als Zynismus (häufig auch im Plural) bezeichnet man ebenso auch die Äußerung einer solchen Haltung in scharfzüngigen Aperçus und Bonmots, die bewusst die vorherrschenden moralischen und religiösen Gefühle und Vorstellungen verletzen und als bestenfalls gutgläubige Fiktionen bloßstellen wollen. In diesem letzteren Sinne berührt sich der Begriff des Zynismus mit dem des Sarkasmus. Als Angriff auf verbreitete Denk- und Fühlgewohnheiten zieht der Zynismus Aufmerksamkeit auf den Redner, als Affront gegen das rhetorische Prinzip des decorum gewinnt er jedoch – außer bei Gleichgesinnten – auch kein Wohlwollen.“ Der Verfasser des Artikels ist übrigens der Tübinger Rhetorikforscher Thomas Zinsmeier.

Quelle:

Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Hg. von Gerd Ueding, bisher 9 Bände De Gruyter Verlag (auch erhältlich über die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt) http:// www.hwrh.de


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