Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 50/09 vom 09.12.2009

Morgengymnastik und Lotterien vergesellschaften

Depressiv mit dem oder der gut gelaunten Ex vor einem Bier sitzen, eine Kolumne schreiben oder in einem Call-Center arbeiten, letztlich geht es immer nur darum: den anderen bei der Stange halten, ein paar Sekunden wertvolle Zeit stehlen, wenn es sein muss, dabei auch zu Anzüglichkeiten greifen. Wird es routiniert, schleichen sich allerdings Fehler ein wie bei der (blonden, großen) Frau, die anruft, Namen und Adresse bestätigt und sagt: „Wir würden gerne unserer Kundenstock aufstocken!“ Erstens ist das grade ungünstig, zweitens der Satz ein bisschen schief geraten und drittens hat sie mir noch nicht gesagt, was denn überhaupt. Auf Nachfrage sagt sie: Warme Semmeln. Vor die Haustür. Völlig an der Zielgruppe vorbei, auflegen, Gedanken neu sortieren, aber anscheinend haben die Kaffee-auf-Lebenszeit-Preisausschreiben doch eine undichte Stelle und es ruft die nächste Kollegin an und will, dass ich einer Tippgemeinschaft beitrete. Gemeinschaft ist super, aber da gibt es andere Möglichkeiten, wie Stadtrat Riedler jeden Freitag um halb acht (in der Früh!) Qui-Gong am Freiheitsplatz mit allen Grazern und -innen bzw. denen, die nix Besseres zu tun. Das bleibt überschaubar. Wenn Gemeinschaften unüberschaubar werden, hat auch der Einzelne nicht mehr so recht was davon: Man hat für € 20 monatlich echt hohe Gewinnchancen. Dann gibt es einen Sechser und für den Einzelnen bleiben mal € 36,30. Aber dafür ist man in der Gemeinschaft.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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